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Theologie
Text 9 Min.

Schwierigkeiten mit dem Alten Testament?

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Sind scheinbare Widersprüche zwischen Altem und Neuen Testament erklärbar?

Als Christ vertraue ich Jesus und versuche so gut es geht von ihm zu lernen. Er zeigt mir durch sein Leben und Reden, dass Gott als liebender Vater an mir interessiert ist. Das kann ich in der Bibel nachlesen. Er liebt mich und alle anderen Menschen aus vollem Herzen.

Allerdings stehen im Alten Testament viele Geschichten, bei denen ich Gott erst einmal nicht verstehe. Da geht es zum Beispiel um Kriege, die Gott selbst in Auftrag gibt. Wie soll ich mit solchen Texten umgehen?

Der scheinbare Widerspruch

Es geht um Texte wie diesen: „In den Städten der Völker, die der Herr, euer Gott, euch zum Besitz gibt, dürft ihr niemanden am Leben lassen“ (5. Mose 20, 16+17, NL).

Ich habe das Bild von einem Gott im Kopf, der sich in Jesus zeigt. Der sanft und fair mit den Menschen umgeht. Und dann lese ich so etwas. Handelt es sich im Alten und im Neuen Testament um zwei verschiedene Wesen oder hat Gott etwa seine Meinung geändert?

Ich bin fest davon überzeugt, dass der Gott im Alten Testament derselbe ist wie der, den Jesus verkörpert. Jesus selbst macht das immer wieder deutlich. Er erzählt von diesem Gott, er zitiert die Schriften und sagt vor allem, dass sie auf ihn hinweisen. Das steht zum Beispiel in Johannes 5,39 ganz deutlich: „Ihr forscht doch in den Heiligen Schriften und seid überzeugt, in ihnen das ewige Leben zu finden – und gerade sie weisen auf mich hin.“

Die ganze Bibel ist also ein Buch über den EINEN Gott, der sich in Jesus zeigt. Aber wie passen dann kriegerische Texte und der Gott, der die Liebe ist (1. Johannes 4,16), zusammen?

Ein möglicher Erklärungsversuch

Es ist ein sehr schwieriges Thema und eine Antwort, die wirklich alle Probleme erfasst, habe ich nicht gefunden. Mir hilft bei dem Thema eines am meisten: Die Idee der „fortschreitenden Offenbarung“. Hier wird gesagt, dass Gott in der Weltgeschichte nach und nach immer deutlicher gezeigt hat, wie er ist.

Er hat bei einzelnen Menschen (Adam, Abraham, usw.) begonnen, die er dann zu einem ganzen Volk (Israel) gemacht hat. Dieses Volk hat er gewählt, um in die Menschheit hineinzusprechen. In einer Zeit, wo ein Volk nur durch Kämpfe gegen andere Völker überleben konnte, kam Gott ihnen auf dieser Ebene entgegen.

Er hat es aber nicht dabei belassen. Du kannst in der Bibel lesen, dass Gott immer mehr Gebote gab, die Gewalt und Willkür einschränkten. Gott hat in einem kriegerischen Umfeld angefangen, ihnen Recht und Ordnung beizubringen. Langsam aber sicher wollte er die Menschen verändern.

„Fortschreitende Offenbarung“ heißt, Gott kommt den Menschen entgegen. So, wie sie es in ihrer Zeit, Kultur und ihren Erlebnissen verstehen können. Nach und nach mehr. Die Menschheit sollte so immer besser verstehen, wie Gottes Wesen aussieht. Schließlich kam Jesus. Auch hier kam Gott den Menschen so entgegen, dass sie ihn besser begreifen konnten. Nicht als fernes Wesen, sondern als Mensch. Zum Anfassen und Zuhören. Ziel von allem ist, dass die Menschen verstehen, wie ein Leben in Gottes Liebe aussieht (1. Timotheus 1,5).

Welches Licht wirft Jesus auf die Texte?

Hast du etwas bemerkt? Jesus ist für den Umgang mit diesen Texten sehr wichtig. Sie stellen eine große Herausforderung dar. Wir dürfen im Neuen Testament von Jesus Christus lesen, der die deutlichste Offenbarung Gottes ist. Er zeigt uns viel klarer als vieles im Alten Testament, wie Gott denkt und fühlt.

Das Alte und das Neue Testament gehören zusammen. Und auch wenn einzelne Elemente schwer zu verstehen sind, ändert das nichts an der großen Geschichte, die Gott uns in der Bibel erzählt. Jesus stellt darin den Höhepunkt dar und das, was er sagt, ist das wichtigste. Dass Jesus aus Liebe für alle Menschen gestorben ist und zur Liebe und Gerechtigkeit aufruft, das bleibt.

Ich glaube, dass Gott die biblischen Texte zu allen Zeiten nutzt, um zu uns Menschen zu sprechen. Darum sind die Geschichten, die damals geschahen, auch für uns heute geschehen. Wir sollen von ihnen lernen. Im Alten Testament lerne ich vor allem von der Treue Gottes. Er führt seinen Plan zu einem guten Ziel. Mit Israel und mit mir. Und ich lerne, dass wir Menschen, wenn wir auf uns allein gestellt sind, nicht rauskommen aus immer neuen Kriegen oder persönlicher Schuld. Wir brauchen Gottes Eingreifen. In der Welt und in unserem eigenen Leben.

Im Alten Testament lerne ich außerdem, dass Gott manchmal zornig wird. Aber dieser Zorn stellt sich nicht gegen seine Geschöpfe, sondern gegen das, was seinen Geschöpfen schadet. Gegen alles, was der Beziehung seiner Menschen zu ihm im Weg steht. Diese Beziehung stellt sich Gott vollkommen frei vor von Kriegen, Leid und Schuld. Auch das lernst du beim Lesen der ganzen Bibel.

Dr. Hofreiter, ein Theologe, der sich viele Gedanken zu dem Thema der Kriege im AT gemacht hat, formuliert das so: „Das Wichtigste, das wir als Christen zu diesen Texten sagen sollten, ist, dass sie auf gar keinen Fall jemals dazu genutzt werden dürfen, Gewalttaten zu rechtfertigen. Wir sollten sie als deutliche Warnung davor verstehen, wie ein Leben ohne die Liebe Gottes aussehen kann. Wie die ganze Heiligen Schrift, sollten uns auch diese Texte dazu inspirieren, Gott mit ganzem Herzen und Verstand, aus ganzer Seele und mit all unserer Kraft zu lieben. Und unseren Nächsten wie uns selbst.“

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