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Fakt oder Fiktion? Sakrileg aus Sicht eines Althistorikers

Dr. Jürgen Spieß

Fakt oder Fiktion?

Dan Brown teilt in seinem Thriller „Sakrileg“ die handelnden Personen ebenso wie die historischen Persönlichkeiten in gut und böse ein.

  1. Während Jesus und Maria Magdalena positiv gezeichnet sind, erscheint Kaiser Konstantin im Zusammenhang mit der Geschichte des frühen Christentums als der Bösewicht. Über Konstantin, Jesus und Maria Magdalena stellt er folgende Behauptungen auf (S. 317 ff.):
  2. Konstantin war kein Christ, sondern wurde erst kurz vor seinem Tod gegen seinen Willen getauft.
  3. Er machte das Christentum ausschließlich aus Gründen der politischen Machterhaltung zur Staatsreligion, denn er ging davon aus, dass es sich in Kürze als stärkste Religion seines Reiches gegen heidnische Religionen durchsetzen werde.
  4. Er ließ Tausende Handschriften und an die achtzig unverfälschte, alte Evangelien vernichten, die den ursprünglichen Jesus, einen sterblichen Menschen, zeigten.
  5. Er ließ nur die Evangelien als „kanonisch“ zu, die Jesus als Gott darstellten.
  6. Das Neue Testament in seiner heutigen Form geht zurück auf Kaiser Konstantin.
  7. Beim „Heiligen Gral“ handelt es sich nicht um den Abendmahlskelch von Jesus (eine Legende, die erstmals im 12. Jahrhundert auftauchte), sondern um das Geheimnis, dass Jesus und Maria Magdalena verheiratet waren und ein Kind hatten und dass heute noch direkte Nachkommen von Jesus in Frankreich leben.

Dazu einige kurze Gegenargumente. Literaturhinweise zur Vertiefung finden Sie am Schluss. Konstantin (der Große) wurde zwischen 270 und 288 geboren. Nach dem Tod seines Vaters, des Kaisers Constantius Chlorus, wurde er 306 in York von Soldaten zum Kaiser über einen Teil des weströmischen Reiches ausgerufen. Am 28.10.312 besiegte er Maxentius, seinen kaiserlichen Konkurrenten im weströmischen Reich, der in Rom residierte.

Zu I.:

Nach seinem Sieg über Maxentius verstand sich Konstantin bis zu seinem Tod (337) offensichtlich als Christ.

Indizien dafür sind:

  1. Am Tag nach der erfolgreichen Schlacht ging er nicht wie alle seine Vorgänger zum Capitol, um dem höchsten römischen Gott Jupiter zu opfern. Das wurde ihm als Abwendung vom heidnischen Glauben ausgelegt.
  2. Noch im gleichen Jahr begann er mit dem Bau einer Kirche.
  3. Von diesem Zeitpunkt an sind zahlreiche Briefe Konstantins sowohl an Christen als auch an Nichtchristen erhalten, in denen er sich zum Christentum bekennt.
  4. Im Jahre 313 wurde im „Mailänder Toleranzedikt“ zwischen Konstantin und Licinius, dem Kaiser des oströmischen Reiches, das Christentum erstmals als „erlaubte Religion“ definiert.
  5. Er ließ Münzen prägen, auf denen die griechischen Anfangsbuchstaben für „Christos“ (X und P) zu sehen sind. Nach eigener Aussage hatte Konstantin vor der Schlacht gegen Maxentius einen Traum, in dem ihm Christus mit den Worten erschienen war: „In diesem Zeichen wirst Du siegen“. Als Zeichen sah er das X und das P.
  6. Konstantin ließ sich zwar tatsächlich erst kurz vor seinem Tod taufen, doch das entsprach der damaligen Sitte vieler Christen. Ursprünglich hatte er sogar den Wunsch, sich – wie Jesus – im Jordan taufen zu lassen und schob auch aus diesem Grund seine Taufe hinaus.

Zu II.:

Das Christentum wurde nicht unter Konstantin, sondern erst unter Theodosius im Jahre 380 Staatsreligion im römischen Reich Gerade auf Grund der politischen Verhältnisse und sozialen Strukturen ist es unwahrscheinlich, dass Konstantin Christ wurde, um seine Macht zu festigen:

  1. Im Jahre 312 waren nach schweren Christenverfolgungen nur etwa 10 % der Bevölkerung Christen, die meisten in der Osthälfte. Es gab damals so gut wie keine Christen im Senat, in der Verwaltung und im Heer. Zum Machterhalt aber war der Kaiser gerade auf diese drei „Säulen“ angewiesen.
  2. Konstantin hat sich zwar zum christlichen Glauben bekannt, aber heidnischen Glauben nicht verboten. In seiner Regierungszeit sind weiterhin viele Schlüsselstellungen mit Heiden besetzt worden.
  3. Erst Theodosius machte 43 Jahre nach Konstantins Tod das Christentum zur Staatsreligion und verbot alle heidnischen Religionen.

Zu III.:

Das ursprüngliche Bild von Jesus findet sich in den Evangelien des Neuen Testaments, weil sie die ältesten sind und auf Augenzeugenberichte zurückgehen Im Roman werden drei „unverfälschte, alte Evangelien“ erwähnt: Die gnostischen Evangelien von Thomas, Philippus und Maria Magdalena (bei denen niemand davon ausgeht, dass der Name jeweils mit dem Verfasser identisch ist). Bei den gnostischen Evangelien handelt es sich nicht um Evangelien im herkömmlichen Sinn. Sie enthalten Spruchweisheiten, geheime Lehren von Jesus („Dies sind die geheimen Worte, die Jesus, der Lebendige, sprach und die Dydimus Judas Thomas niedergeschrieben hat“, Beginn des Thomasevangeliums) oder Dialoge, die „Erkenntnis“ („Gnosis“) zur Erlösung vermitteln sollen. Sie enthalten weder einen historischen Bericht über die Passion von Jesus noch über seine Auferstehung. In den gnostischen Evangelien wird gerade nicht ein menschlicher, sondern nur ein vergöttlichter Jesus gezeigt. Sehr menschlich begegnet Jesus uns dagegen in den neutestamentlichen Evangelien. Die gnostischen Evangelien sind auch nicht feministisch („Jesus war sozusagen der erste Feminist“, S. 340), sondern im Gegensatz zu den Evangelien im Neuen Testament eher frauenfeindlich. („Simon Petrus sprach zu ihnen: ‚Maria soll von uns weggehen, denn die Frauen sind des Lebens nicht wert.‘ Jesus sprach: ‚Siehe, ich werde sie ziehen, auf dass ich sie männlich mache, damit auch sie ein lebendiger, euch gleichender, männlicher Geist werde. Jede Frau, die sich männlich macht, wird eingehen in das Königreich des Himmels.‘“, Fragment 114 des Thomasevangeliums). Die gnostischen Evangelien könnten sich auch deshalb nicht im Neuen Testament befinden, weil sie zur Zeit des Kanonisierungsprozesses in den Gemeinden wohl noch nicht geschrieben waren. Sie sind übrigens auch nicht geheim, sondern können in jeder Buchhandlung gekauft werden.

Zu IV.:

Jesus wurde nicht göttlich per Abstimmung auf dem Konzil von Nizäa Beim Konzil von Nizäa ging es nicht darum, ob Jesus Gott ist, sondern wie seine Göttlichkeit zu verstehen ist. War Jesus „wesensgleich“/„wesenseins“ mit Gott oder nur „wesensähnlich“? Die Entscheidung in Nizäa fiel eindeutig für „wesenseins“ aus (bei ca. 300 Bischöfen gab es nur zwei Gegenstimmen). Damit folgten die Bischöfe dem Zeugnis des Neuen Testamentes – sowohl der Evangelien als auch der Briefe – von der Gottgleichheit von Jesus. Alle vier Evangelien aus dem ersten Jahrhundert betonen, dass Jesus angeklagt wurde, „weil er sich Gott gleich setzte“. Selbst der heidnische Statthalter Plinius schreibt im Jahre 112, dass die Christen „Jesus als Gott verehren“.

Zu V.:

Der Kanon der vier Evangelien stand (spätestens) schon um 160 fest Über den Kanon des Neuen Testamentes wurde in Nizäa weder gestritten noch entschieden. Konstantin konnte auch keinen Einfluss mehr nehmen, weil zu diesem Zeitpunkt (325) der Kanonisierungsprozess bereits so gut wie abgeschlossen war:

  1. Im Kanon Muratori, der etwa ab 160 abgefasst wurde, werden bereits 22 von den 27 Schriften des Neuen Testamentes als kanonisch („Richtschnur“) bezeichnet. In der Aufzählung fehlen der Hebräer-, der Jakobus-, ein Johannesbrief und die beiden Petrusbriefe. Neben den vier Evangelien von Matthäus, Markus, Lukas und Johannes wird kein anderes Evangelium als kanonisch aufgelistet. Das bedeutet: Der Kanon der Evangelien stand schon (spätestens) Mitte des 2. Jahrhunderts fest.
  2. Zwischen 160 und 170 verfasst Tatian aus Syrien ein Werk, das die Ereignisse der Evangelien zu einem einheitlichen, widerspruchsfreien Bericht verarbeitet. Er benutzte dazu ausschließlich die vier Evangelien, die wir heute im Neuen Testament finden.
  3. Im Jahre 180 begründet Irenäus, der Bischof von Lyon, dass es vier Evangelien gibt: Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. Für ihn war der Kanon mit diesen vier Evangelien definitiv abgeschlossen.

Kriterien, die zur Kanonisierung führten, werden im Kanon Muratori genannt:

  1. Die Texte müssen möglichst alt, d. h. möglichst nahe an den Ereignissen um Jesus entstanden sein. Nach altkirchlicher Überlieferung wurden zwei Evangelien von Jüngern von Jesus geschrieben – Matthäus und Johannes –, eines von Markus, dem Begleiter des Petrus, und eines von Lukas, dem Begleiter des Paulus.
  2. Die kanonischen Texte des Neuen Testamentes müssen in den Gemeinden bereits als vertrauenswürdig anerkannt sein. Der Kanon wurde also nicht durch eine Person oder ein Konzil festgelegt, sondern durch den Gebrauch innerhalb der Gemeinden als glaubwürdig festgestellt.
  3. Außerdem muss die Lehre der Evangelien mit der Lehre der Apostel übereinstimmen.

Wenn man etwas historisch Zuverlässiges über Jesus und die ersten Jünger herausfinden will, muss man die Evangelien lesen, die sich im Neuen Testament befinden. Denn diese Texte sind die ältesten und damit auch näher an den Ereignissen als etwa die Texte von Flavius Josephus (93 n. Chr.) und Tacitus (110 n. Chr.) über Jesus. Die Evangelien wurden in der Form wie wir sie heute vorfinden nach Meinung der meisten Forscher zwischen 65 und 95 n. Chr. geschrieben. Manche gehen sogar von einer Abfassungszeit zwischen 40 und 65 n. Chr. aus. Die meisten Briefe wurden in den 50er und 60er Jahren verfasst. Die Textüberlieferung des Neuen Testaments ist übrigens außergewöhnlich gut. Es gibt einen Text aus dem 18. Kapitel des Johannesevangeliums aus der ersten Hälfte, andere Texte von Briefen und das vollständige Johannesevangelium aus der 2. Hälfte des 2. Jahrhunderts. Das Neue Testament liegt komplett vor in Kopien aus dem 4. Jahrhundert. Zum Vergleich: Das Werk von Tacitus liegt nur in Kopien aus dem 9. und 11. Jahrhundert vor; Platons Werk gibt es sogar nur in Kopien, die 1300 Jahre jünger sind als das Original.

Zu VI.:

Es gibt keinen Text aus der Antike, der einen Hinweis auf eine Ehe von Jesus mit Maria Magdalena enthält Für eine Ehe zwischen Jesus und Maria Magdalena werden im Roman zwei Gründe genannt:

  1. Damals waren alle jüdischen Männer verheiratet. Es steht nirgendwo im Neuen Testament, dass Jesus nicht verheiratet war. Also war er verheiratet. Da der erste Satz nicht stimmt, ist die Schlussfolgerung hinfällig. Damals waren die Essener unverheiratet; auch Johannes der Täufer und Paulus waren ehelos. Im 1. Korintherbrief, Kapitel 9, schreibt Paulus: „Haben wir etwa kein Recht zu heiraten, wie die übrigen Apostel, die Brüder des Herrn und Kephas?“ Wäre Jesus verheiratet gewesen, hätte er in dieser Aufzählung nicht gefehlt.
  2. Im Philippusevangelium (entstanden zwischen dem 2. und dem 4. Jahrhundert) heißt es: „Und die Gefährtin des Erlösers war Maria Magdalena. Christus liebte sie mehr als seine Jünger und küsste sie oft auf den [Mund].“ „Mund“ wurde von den Forschern eingefügt, weil der Text an dieser Stelle nicht mehr lesbar war.

Teabing sagt nun: Wer des Aramäischen mächtig ist, weiß, dass „Gefährtin“ mit „Ehefrau“ übersetzt werden muss. Wer des Aramäischen mächtig ist, weiß allerdings gar nichts, denn der Text ist koptisch. Die Übersetzung von „koinonos“ mit Ehefrau anstelle von Gefährtin wäre sehr ungewöhnlich (es müsste dann eigentlich „gyne“ stehen) und wird auch von Gnosisexperten nicht vorgenommen. Auch bei der Formulierung „küsste sie auf den Mund“ sehen Gnosisexperten keinen erotischen Hinweis: In der Gnosis wurde Erkenntnis durch Küssen weitergegeben. So auch an einer anderen Stelle im Philippusevangelium. (Kap. 58 f.)

Es gibt keinen Text aus der Antike, der einen Hinweis auf eine Ehe zwischen Jesus und Maria Magdalena enthält. Nicht einmal die erstmals im 9. Jahrhundert aufgetauchte Legende, dass Maria Magdalena nach der Kreuzigung von Jesus nach Frankreich floh, schreibt etwas davon. Der Gedanke einer solchen Ehe taucht erst in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts auf (1970?).

Fakt oder Fiktion?

Der Roman „Sakrileg“ enthält fast nur Fiktion. Das ist nicht verwunderlich, denn es handelt sich ja um einen Thriller. Irritiert haben mag manchen Leser der Satz auf Seite 9: „Alle Dokumente sind wirklichkeits- bzw. wahrheitsgetreu wiedergegeben.“ Doch diese Aussage muss man wohl ebenfalls als Teil der Fiktion verstehen. Auch Baron von Münchhausen hat immer wieder betont: „Alles, was ich jetzt erzähle, ist wahr.“ Die meisten seiner Aussagen verdankt Dan Brown dem Buch „Der Heilige Gral und seine Erben“. Er hat die beiden Hauptautoren im Namen des Bösewichts Sir Leigh Teabing verewigt: Leigh ist der Nachname von Richard Leigh, Teabing ein Anagramm von Michael Baigent. Das Buch „Der Heilige Gral und seine Erben“ beruht nach eigener Aussage in weiten Teilen auf den „Geheimen Dokumenten“ der „Prieuré de Sion“. Auf diese Dokumente und die „Prieuré de Sion“ verweist auch Dan Brown als erstes in seinem Vorwort. Die „Prieuré de Sion“ wurde aber nicht – wie von ihm behauptet – im 11. Jahrhundert gegründet, sondern 1956 als e. V. in Paris registriert. Die geheimen Dokumente gehen ebenfalls nicht auf das 11. Jahrhundert zurück, sondern wurden in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts verfasst. Sie sind so echt wie „Hitlers Tagebücher“, wie der „Stern“ sachkundig schrieb. Dass es sich um Fälschungen handelt, haben die Urheber inzwischen mehrfach (auch vor Gericht) zugegeben. „Was gibt es Schöneres als Verschwörungstheorien?“ fragt Dan Brown. Schöner ist manchmal die Wahrheit, z. B. die Wahrheit über Jesus von Nazareth wie wir sie in den Texten der Augenzeugen aus dem 1. Jahrhundert finden. Auch in diesen Texten gibt es manchmal schwer Verständliches. Aber eine Aussage von Mark Twain hilft da weiter: „Nicht das an der Bibel beunruhigt mich, was ich nicht verstehe, sondern das, was ich verstehe.“ Insofern ist allen Lesern des Neuen Testaments eine anregende Beunruhigung zu wünschen.

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