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Die Folgen der Legalisierung von Sterbehilfe

Dr. Nadine Sprodowski

Neben Todkranken werden in Belgien und den Niederlanden zunehmend auch psychisch Erkrankte und Menschen mit Behinderungen getötet. Ein häufiges Argument für die Legalisierung von Sterbe- und Suizidbeihilfe ist, dass diese ohnehin stattfinde und durch eine Legalisierung einen geschützten und überprüfbaren Rahmen bekäme. Ein Blick in unsere Nachbarländer Belgien und Holland, in denen beides legal ist, belehrt eines Besseren.

Eine im Jahr 2010 veröffentlichte Studie zeigt, dass in Belgien ungefähr die Hälfte aller Euthanasiefälle nicht dokumentiert und gemeldet wird, wie es gesetzlich eigentlich vorgeschrieben ist.1 Bei den dokumentierten und gemeldeten Fällen scheinen die beteiligten Ärzte gewissenhafter zu handeln, denn die Studie zeigt ferner, dass in 73% der gemeldeten Fällen die gesetzlichen Vorgaben (wie z. B. Die ausführliche Aufklärung des Patienten) eingehalten wurden. Bei den nicht gemeldeten Fällen traf dies nur auf 12% zu. Eine weitere Studie ergab, dass 32% aller Euthanasiefälle in Belgien ohne explizite Einverständniserklärung des Patienten stattfinden.2 Bei diesen Fällen wurde mit 78% der betroffenen Patienten das Vorgehen nicht einmal besprochen. Die meisten betroffenen Patienten waren älter als 80 Jahre, litten an einer nicht-bösartigen Grunderkrankung und befanden sich im Krankenhaus. Ähnliche Studien aus den Niederlanden zeigen eine Rate von 20% nicht gemeldeter Euthanasiefälle.

Im Juli 2012 wurde in der renomierten Fachzeitschrift Lancet eine Metaanalyse über Euthanasie und Suizidbeihilfe in den Niederlanden veröffentlicht, in der die Daten der Jahre 1990, 1995, 2001, 2005 und 2010 verglichen wurden. Dieser Studie zufolge wurden 23% aller Euthanasiefälle im Jahr 2010 nicht gemeldet. Weiterhin war eine stetige Zunahme der Euthanasiefälle zu verzeichnen.3

In Belgien werden Euthanasien teilweise nicht von Ärzten, wie gesetzlich vorgeschrieben, sondern von Krankenpflegepersonal ausgeführt.4 Sowohl in Belgien als auch in den Niederlanden lässt sich seit der Legalisierung von Sterbehilfe und Suizidbeihilfe ein steiler Anstieg dieser Fälle verzeichnen. In Belgien betrug diese Steigerung im Jahr 2012 Regierungsstatistiken zufolge 25%; der Anteil der Euthanasiefälle an allen Todesfällen beträgt 2%.5

Statistiken der niederländischen Regierung zufolge kam es in den Niederlanden im Jahr 2011 zu einem Anstieg der Euthanasiefälle um 18%. Während im Jahr 2010 zwei psychiatrisch erkrankte Patienten darunter waren, waren es im Jahr 2011 bereits 13. Die Legalisierung von Sterbehilfe und Suizidbeihilfe hat in den betroffenen Ländern häufig zu einer Steigerung der allgemeinen Suizidrate (außerhalb der Suizidbeihilfe) geführt. So hat der Bundesstaat Oregon, einer von zwei Bundesstaaten in den USA, in denen die Suizidbeihilfe erlaubt ist, die höchste Suizidrate aller US-Bundesstaaten6 und verzeichnet einen Anstieg derselben seit der Legalisierung im Jahr 2000.7

Vor wenigen Wochen wurde in Belgien ein Gesetz verabschiedet, welches Euthanasie auch für Minderjährige (ohne Altersbegrenzung) ermöglicht. In den Niederlanden bietet das 2004 von der Groninger Universitätsklinik formulierte Groninger Protokoll Richtlinien zur Euthanasie schwer behinderter und erkrankter Neugeborener und schützt die ausführenden Ärzte vor strafrechtlicher Verfolgung.8

Schlussfolgerung Die vorgestellten und auch andere Studien zeigen, dass eine Legalisierung von Sterbehilfe und Suizidbeihilfe keinesfalls zu geordneten Verhältnissen führt. Sowohl in Belgien als auch in den Niederlanden wurden in vielen Fällen gesetzliche Vorgaben nicht eingehalten, so dass die implementierten Schutzmechanismen versagten. Euthanasie und Suizidbeihilfe sind somit sicher für die ausführenden Ärzte, aber unsicher für die betroffenen Patienten. Neben einem stetigen Anstieg der Fälle ist eine kontinuierliche Ausweitung der Indikation zu verzeichnen, von einer anfänglichen Beschränkung auf Patienten mit bösartigen Erkrankungen im Endstadium auf Patienten mit neurologischen Erkrankungen bis hin zu psychisch Erkrankten, Minderjährigen und Menschen mit Behinderungen.

Eine ähnliche Entwicklung wäre im Falle einer Legalisierung auch in Deutschland zu erwarten. Ein einmal beschlossenes Gesetz lässt sich nur schwer wieder rückgängig machen. Stattdessen besteht die Tendenz, die gesetzlichen Vorgaben großzügig auszulegen und ein solches Gesetz schrittweise zu erweitern. Gesetzgebung hat immer auch edukativen Charakter. Was legal ist, wird von einem Großteil der Bevölkerung auch als „moralisch richtig“ angesehen. Eine solche allmählich stattfindende Veränderung der öffentlichen Meinung und Wahrnehmung führt dazu, dass chronisch kranke, alte und behinderte Menschen, die sich ohnehin oft als „Last“ verstehen, unter Druck geraten, mittels Suizidbeihilfe oder Sterbehilfe aus dem Leben zu scheiden.

Erstveröffentlicht im Jahr 2014.


  1. Smets T: Reporting of euthanasia in medical practice in Flanders, Belgium: cross sectional analysis of reported and unreported cases. BMJ 2010;341:c5174. 

  2. Chambaere, K: Physician-assisted deaths under the euthanasia law
    in Belgium: a population-based survey. CMAJ 2010, epub. 

  3. Onwuteaka-Philipsen, B: Trends in end-of-life-practices before and after the enactment of the euthanasia law in the Netherlands from 1990 to 2010: a repeated
    cross-sectional survey. Lancet 2012, epub: http://press.thelancet.com/netherlands_euthanasia.pdf

  4. Inghelbrecht E: The role of nurses in physician-assisted deaths in Belgium. CMAJ 2010, epub. 

  5. http://www.west-info.eu/cases-of-euthanasia-up-25-in-belgium/ 

  6. Oregon Health Authority, News Release: Rising suicide rate in Oregon reaches higher than national average, Sept. 9, 2010 (http://www.oregon.gov/DHS/news/2010news/2010-0909a.pdf). 

  7. Oregon Health Authority: Rising suicide rate, supra note 63. 

  8. Verhagen, E: The Groningen Protocol – Euthanasia in Severely Ill Newborns. N Engl J Med 2005; 352:959-962. 

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