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Ethik
Text 45 Min.

Führt Säkularisierung zum Moralverfall?

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Eine Antwort auf Hans Joas

In seinem Aufsatz Führt Säkularisierung zum Moralverfall? Einige empirisch gestützte Überlegungen, einem Vorabdruck seines Buches Glaube als Option. Zukunftsmöglichkeiten des Christentums für die von Jesuiten herausgegebene Zeitschrift Stimmen der Zeit, wendet sich Hans Joas gegen die „Parole“ des Volksentscheids „Pro Reli“ in Berlin: „Werte brauchen Gott“. Er kommt zu dem Fazit: „Säkularisierung führt bisher nicht nachweislich zu Moralverfall“. Damit hat er sein Votum doppelt eingeschränkt, wie überhaupt auffällt, daß er mit vorsichtigen, vagen Formulierungen operiert wie: „zu sein scheint“, „scheint mir“, „kommen vergleichbare Studien manchmal zu dem Schluß“, „zu tun haben könnte“, „wahrscheinlich von Einfluß ist“, „nicht direkt affiziert werden dürfte“. Der Freiburger Forschungsprofessor, vom Herder-Verlag als „einer der international führenden Soziologen unserer Zeit“ gepriesen, tut gut daran, sich solchermaßen abzusichern, denn er bewegt sich auf dünnem Eis.

Dieser Beitrag erschien zuerst in: Die neue Ordnung 66, 2012, Heft 5, S. 367–377 und ist auch dort online zugänglich.

In seinem Aufsatz Führt Säkularisierung zum Moralverfall? Einige empirisch gestützte Überlegungen, einem Vorabdruck seines Buches Glaube als Option. Zukunftsmöglichkeiten des Christentums für die von Jesuiten herausgegebene Zeitschrift Stimmen der Zeit, wendet sich Hans Joas gegen die „Parole“ des Volksentscheids „Pro Reli“ in Berlin: „Werte brauchen Gott“. Er kommt zu dem Fazit: „Säkularisierung führt bisher nicht nachweislich zu Moralverfall“. Damit hat er sein Votum doppelt eingeschränkt, wie überhaupt auffällt, daß er mit vorsichtigen, vagen Formulierungen operiert wie: „zu sein scheint“, „scheint mir“, „kommen vergleichbare Studien manchmal zu dem Schluß“, „zu tun haben könnte“, „wahrscheinlich von Einfluß ist“, „nicht direkt affiziert werden dürfte“. Der Freiburger Forschungsprofessor, vom Herder-Verlag als „einer der international führenden Soziologen unserer Zeit“ gepriesen, tut gut daran, sich solchermaßen abzusichern, denn er bewegt sich auf dünnem Eis.

1. Gegen sein Votum spricht eine lange geistesgeschichtliche Tradition und breite Koalition von Denkern und Gestaltern der Gesellschaft, darunter etliche, die apologetischen Tendenzen unverdächtig sind. Thomas Mann nannte das Christentum ein zur „Wertverteidigung“ notwendiges „sittliches Zuchtmittel“. Der Kreisauer Kreis sah „im Christentum wertvollste Kräfte für die religiös-sittliche Erneuerung des Volkes, für die Überwindung von Haß und Lüge, für den Neuaufbau des Abendlandes, für das friedliche Zusammenarbeiten der Völker“. Der Sozialdemokrat Carlo Mierendorff sagte nach seiner Befreiung aus der Lagerhaft zu einem Freund:
Wissen sie, ich bin als Atheist in das Konzentrationslager gekommen, und nach dem, was ich dort erlebt habe, verließ ich es als gläubiger Christ. Es ist mir klargeworden, daß ein Volk ohne metaphysische Bindung, ohne Bindung an Gott, weder regiert werden, noch auf Dauer blühen kann.

Konrad Adenauer deutete den „Rückfall in schlimmste Barbarei“ 1946 als Folge eines Abfalls von der tradierten Religion und war überzeugt, „daß das Verlassen des christlichen Fundamentes letzten Endes Europa mit dem Untergang bedroht“, weil „die ethischen Gesetze ...auf religiösem Boden wurzeln“. Joas stellt somit ein geistiges Vermächtnis des „besseren Deutschlands“ in Frage.


Joschka Fischer meinte 1992: Eine Ethik, die sich nicht auf die tiefer reichende, normative Kraft einer verbindlichen Religion [...] stützen kann, wird es schwer haben, sich in der Gesellschaft durchzusetzen und von Dauer zu sein [...]. Eine Ver- antwortungsethik ohne religiöse Fundierung scheint [...] in der Moderne einfach nicht zu funktionieren.


Mehrmals bekannte Gregor Gysi: „Auch als Nichtgläubiger fürchte ich eine gottlose Gesellschaft.“ Unerwartete Unterstützung für Papst Benedikts These, wonach das Christentum „ein nicht nur nützliches, sondern unverzichtbares Element für den Aufbau einer guten Gesellschaft und einer echten ganzheitlichen Entwicklung des Menschen ist“ (CiV 4). Für Joas fallen solche Äußerungen in die Kategorie „apriorischer“ Argumentationsweisen mit „empirischen Defiziten“. Doch könnte man die Langlebigkeit des Topos vom Zusammenhang von Glaube und Moral nicht selbst als Teil der „Empirie“ verstehen, da „auf Erfahrung beruhend“?

So sagte der Dresdner Bischof Joachim Reinelt 1992: Wir möchten jeden warnen, der glaubt, die religiöse Basis für Recht und Gesetz ohne Schaden leugnen zu können. [...] Nach der schmerzlichen Erfahrung des braunen und roten Systems müßte doch eigentlich die Einsicht in Besseres jedem möglich sein. Wer Gott aus den Herzen der Menschen reißt, weckt die wölfischen Instinkte. Wer einmal miterlebt hat, was die Idee bewirken kann, daß am Anfang nicht der Logos, sondern die Materie steht, hat keine Lust, die Konsequenzen aus diesem Irrtum noch einmal zu tragen.


2. Über weite Strecken spricht aus Joas’ Argumentation weniger der empirisch-sozialwissenschaftlich vorgehende Forscher als der sozialphilosophische Theoretiker, entsprechend dem decouvrierenden Untertitel: Das eigentliche sind die „Überlegungen“, die Empirie soll nur „stützen“. Genau das müßte ein Sozialwissenschaftler vermeiden, denn wenn, von der legitimen Hypothese abgesehen, nicht die empirischen Befunde Ausgangspunkt der Überlegungen sind, schnappt die Falle bloßer Selbstaffirmation schnell zu: „Wenn meine Ideen nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmen: Pech für die Wirklichkeit!“ Joas konzediert zwar knapp „empirisch nachweisbare Zusammenhänge zwischen Religion und seelischer Gesundheit, moralischer Orientierung usw.“, konterkariert ihre Relevanz aber apodiktisch: „Niemand kann aufgrund rationaler Einsicht in diese Zusammenhänge zum Glauben kommen.“ Darum geht es erstens aus soziologischer Sicht gar nicht, sondern um die Funktionalität einer humanen Gesellschaft, und zweitens: Wieso sollte „niemand“ durch die Betrachtung der Früchte des Glaubens zum Glauben finden? Für den Stifter des Christentums gilt: „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen“ (Mt 7,16). Die Überzeugungskraft einer Religion bei vernunftbegabten Wesen hängt unter anderem von „rationaler Einsicht“ ab, auch jener in heilsame Wirkungen für das individuelle und gemeinschaftliche Leben.

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