Schwierigkeitsgrad: Fortgeschrittene Text Audio Video

Gott der Schöpfer in Bibel und Koran

Dr. Hanna Josua

Die Ebenbildlichkeit Gottes im Menschen fehlt im Koran.


In interreligiösen Gesprächen der westlichen Welt wird der Glaube an einen gemeinsamen Schöpfergott häufig als praktikabler Weg der christlich-islamischen Verständigung gesehen. Themen, die den Schöpfergott in die Nähe des Menschlichen bringen könnten (wie die Fleischwerdung Gottes, die Christologie mit Kreuzigung und Trinität) werden eher vermieden. Denn sie haben sich in der Geschichte des interreligiösen Dialogs als unüberbrückbar trennende Glaubensinhalte erwiesen. Auf der Suche nach einem Ausweg aus dieser Sackgasse hält man sich meist an den Glauben an eine Schöpfermacht.

Diese Schöpfermacht ist ein im Jenseits existierender Meta-Gott, der alles durch seine Allmacht erschuf. „Gott“ („Allah“ im Islam) wurde mit einem solchen theologischen Glaubensentwurf quasi von seinen Geschöpfen abgehoben und von seiner eigenen Personhaftigkeit befreit. Die Ausklammerung oben genannter grundlegender christlicher Glaubensinhalte verursachte große Verunsicherung bei vielen Christen. Sie fragen sich, ob es sich dann noch um denselben Gott handle oder nicht. Die Frage hierbei muss lauten: Haben gleiche Worte bei Christen und Muslimen den gleichen theologischen Inhalt? In einem offenen Brief von 138 muslimischen Gelehrten an die gesamte Christenheit war im Jahr 2007 zu lesen: „Die Grundlage für Frieden und Verständnis füreinander gibt es bereits. Sie ist Bestandteil der absolut grundlegenden Prinzipien beider Glaubensrichtungen: Liebe zu dem einen Gott und Liebe zum Nachbarn.“ Aus christlicher Sicht reicht es jedoch nicht aus zu sagen, dass alle Liebe vom Menschen ausgeht, wie es der Koran vermittelt. Vielmehr muss Liebe zunächst von Gott, dem Schöpfer, ausgehen, und kann dann wieder zu ihm hinführen. Darum kommen wir nicht umhin, über das Verhältnis von Gott und Mensch zu sprechen.

Gottesbild und Menschenbild
Der Schöpfungsbericht der Bibel legt das Fundament für das Verhältnis von Gott und Mensch. Darin gründet die Liebe und die Fleischwerdung Gottes.

In 1. Mose 1,26-27 wird von der Erschaffung des Menschen berichtet: „Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen in unserem Bilde, nach unserem Gleichnis; und sie sollen herrschen [...] über die ganze Erde. Und Gott schuf den Menschen in seinem Bilde, im Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau.“ Zunächst lohnt es sich, sich mit den Vorzügen Adams, des Menschen, zu beschäftigen, um seinen Stellenwert in den Augen Gottes wahrzunehmen. Er wird nämlich mit der Vollmacht über die Schöpfung, mit freiem Willen, mit Fähigkeit zu Gemeinschaft, mit geistiger Kreativität und mit Gefühlen für sein Gegenüber ausgestattet. Daneben ist das „Imago Dei“, die Ebenbildlichkeit Gottes im Menschen (bei Mann und Frau!), die höchste Ausdrucksform der Liebe Gottes zum Menschen. Diese Liebe legt das Fundament der Gott-Mensch-Beziehung. Und die Ebenbildlichkeit ist der Grundstein und die Basis für die Inkarnation des Allmächtigen in Jesus Christus. Ohne diese Ebenbildlichkeit des Menschen mit Gott wäre es schwerlich möglich oder gar denkbar, dass der Schöpfer in unserer Realität und Geschichte in Jesus Christus anfassbar wird.

In diesem Geiste bestätigt der Psalmist diese göttliche Würde des Menschen und sagt: „Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Sohn, dass du auf ihn Acht hast? Denn ein wenig hast du ihn unter Gott erniedrigt; und mit Herrlichkeit und Pracht hast du ihn gekrönt.“ (Psalm 8 Vers 4f) Damit finden wir in der Bibel und im Koran zwei völlig unterschiedliche Konzeptionen über den Schöpfergott und seine Schöpfung des Menschen.

Die Erschaffung des Menschen im Koran
Die Schöpfungsberichte im Koran unterscheiden sich beträchtlich. Es überwiegt die Meinung der Tradition, in der die jüdisch-christliche Prägung sichtbar wird, dass der Mensch aus Ton erschaffen wurde (u.a. Suren 6,25; 7,12;): „Und als dein Herr [d.h. Gott] zu den Engeln sagte: ‚Ich werde einen Menschen aus feuchter Tonmasse schaffen. Wenn ich ihn dann geformt und ihm Geist von mir eingeblasen habe, dann fallt vor ihm nieder!‘ Da warfen sich die Engel alle zusammen nieder“ (Sure 15,28-30). Einige Gemeinsamkeiten zwischen den Berichten in Bibel und Koran sind unverkennbar: Gott spricht und handelt. Die Herkunft des Menschen ist aus Ton, geformt durch Gott, belebt durch seinen Odem, koranisch: seinen Geist. Gott lässt die Engel vor seinem Wunderwerk Adam niederfallen (Suren 2,34; 7,11; 15,29; 17,61; 18,50; 20,116; 38,72), was nur Gott gebührt. Der Satan lehnt es ab, diesen Befehl Gottes zu befolgen. Das wichtigste biblische Element aber fehlt in allen koranischen Schöpfungsberichten: der Mensch als Ebenbild Gottes. Hier wird die Nicht-Verbundenheit Gottes mit den Menschen offenkundig – und daraus resultiert die andere Akzentuierung in der Beziehung GottMensch im Koran. Der Mensch bleibt ein Geschöpf, das in Gott seinen Ursprung und seine Zielbestimmung hat. Von einer Herzensbetroffenheit Gottes ihm gegenüber kann demzufolge kaum die Rede sein. Darum definiert der Koran die Funktionalität und die Zweckbestimmung des Menschen nur von seiner Geschöpflichkeit her wie folgt: „Und ich [Gott] habe die Dschinn [Geistwesen zwischen Erde und Himmel] und Menschen nur dazu geschaffen, dass sie mir dienen“ (Sure 51,56).

Auf islamischer Seite bringt der Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) das Verständnis Gottes auf den Punkt, wenn er in der Islamischen Charta von 2002 das Gottesbild wie folgt beschreibt: „Die Muslime glauben an Gott, den sie wie arabische Christen ‚Allah‘ nennen. Er, der Gott Abrahams und aller Propheten, der Eine und Einzige, außerhalb von Zeit und Raum aus Sich Selbst existierende, über jede Definition erhabene, transzendente und immanente, gerechte und barmherzige Gott hat in Seiner Allmacht die Welt erschaffen und wird sie bis zum Jüngsten Tag, dem Tag des Gerichts, erhalten.“ Hier wird deutlich, dass „Allah“ der Gott aller Propheten ist – und das bedeutet, dass er auch der Gott des Propheten Jesus sein muss. Damit wird Jesus jegliche Art von Göttlichkeit abgesprochen, zugunsten der Erhabenheit und Jenseitigkeit Gottes. Lässt sich die vom ZMD erwähnte formale Gemeinsamkeit im Gottesbegriff also aufrechthalten, wenn wir in die theologischen Einzelheiten gehen? Wohl kaum! Denn die Schöpfung des Menschen in der Ebenbildlichkeit Gottes hat unabdingbare Konsequenzen für das Gott-Mensch-Verhältnis.

Konsequenzen für die Gott-Mensch-Beziehung
1. Menschenwürde: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Diese Aussage, die unser Grundgesetz eröffnet, gründet nicht primär in der Philosophie der Aufklärung, sondern ursprünglich in der biblischen Schöpfungstheologie. Nur Gott erschafft den Menschen, und daher hat keiner das Recht, diese Schöpfung in irgendeiner Weise anzutasten.

2. Verantwortung vor Gott: Der Mensch kann von Gott zur Rechenschaft gezogen werden, wenn er sich verselbständigt. Dies geschah durch die Sünde Adams. Dieses Verfehlen des Menschen ist ein unmittelbarer Angriff auf und gegen Gott, weil der Mensch gegen diese Ich-Du-Beziehung handelte und die ihm von Gott verliehene Macht an Satan abtrat sowie das Vertrauen in Gott in Frage stellte. Im Islam handelt es sich bei der Sünde lediglich um eine Schwäche und einen Schaden, den der Mensch sich selbst zufügt. Gott wird vom Handeln des Menschen, auch von seiner Sünde, in keinerlei Weise angetastet und ist nicht davon betroffen.

3. Ebenbildlichkeit bedingt die Fleischwerdung zur Rettung: Weil der Mensch Träger dieser Ebenbildlichkeit ist, eröffnet sich ihm die Möglichkeit der Rettung. Das Heil vollzieht sich demzufolge nicht durch menschliche Taten, sondern durch den unmittelbaren Eingriff Gottes in die Menschheitsgeschichte aus Liebe. Dafür musste Gott aus seiner Verborgenheit in Raum und Zeit heraustreten.

4. Gotteskindschaft: Die Ebenbildlichkeit ist die Voraussetzung für die Kindschaft. Wir werden durch den Heiligen Geist nicht nur geboren, sondern erhalten eine göttliche Natur, die uns innewohnt. Wir werden ihn dereinst sehen, wie er ist, weil Christus unser Retter der Erstgeborene unter vielen Brüdern ist. Gegen diese „biblische Anmaßung“, Kinder Gottes genannt zu werden, wendet sich der Koran an mehreren Stellen vehement (Sure 5,18).

Die Allgegenwart Gottes dient aus biblischer Sicht dem Ziel der Gemeinschaft Gottes mit dem Menschen, zur Beziehung zu ihm als Gegenüber, ja zur Anteilnahme an der göttlichen Natur. In Offenbarung 21 und 22 kommt es zur Wiederherstellung und Erfüllung dieses verlorenen Gott-Mensch-Verhältnisses. Die Ebenbildlichkeit öffnet uns die Pforte des Gebetes, das Herz Gottes direkt anzusprechen, weil wir seine Kinder, nicht seine Knechte sind. Aus biblischer Sicht reagiert Gott der Schöpfer auf die Bitten seiner Kinder. Darum dürfen wir das Gebet von der Ich-Du-Beziehung zum Vater nicht zu einer religiösen Pflicht verkommen lassen.

Fazit
Rein formal ist der jüdisch-christliche Glaube an Gott mit dem Islam darin einig, dass nur dem einen einzigen Gott Anbetung gebührt, weil es nur „den“ einen Gott gibt. Dieser Glaube jedoch muss aus der objektiven Feststellung in die subjektive Erfahrbarkeit gelangen, damit es zu einer wahren Erkenntnis und Anbetung kommen kann. Dazu muss Gott aus sich selbst ins menschliche Dasein heraustreten. Weigert er sich dies zu tun – wie wir dies für den Islam zeigten – bleibt er für die Menschheit der unbekannte und in sich selbst ruhende Gott.

Filtern