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Wie will die Bibel verstanden werden?

Prof. Dr. Hans-Joachim Eckstein

An dieser Stelle dokumentieren wir eine verschriftete und stark gekürzte Version des Referates „Die Schrift allein“ (sola scriptura). Die vollständige Fassung finden Sie als Audiodatei zum Herunterladen unter heko.smd.org. Der Text beginnt mit einer kurzen Einführung in die Hermeneutik.


Hermeneutik – Einlassen und Zurückkehren
Unser ganzes Bemühen sollte darauf gerichtet sein, das Wort Gottes verstehen, interpretieren und übersetzen zu können. Die Kunst dies zu tun, nennen wir Hermeneutik. Der Begriff „hermeneuo“ bedeutet „übersetzen“, was wir im Deutschen so anschaulich mit übersetzen wiedergeben können – nämlich über setzen von einem Ufer eines Flusses zu einem anderen wie in einem Boot. Ich stehe im 21. Jahrhundert, in meinem Hier und Jetzt. Daraus gehe ich zweitausend Jahre zurück, in eine andere Zeit, in eine andere Kultur, in eine Offenbarung, die nicht von dieser Welt ist, sondern von einer anderen, der himmlischen Welt kommt. Das heißt, dass ich die Bibel nicht einfach aufschlagen und sagen kann: Jeder Vers ist unmittelbar für mich geschrieben und für mich unmittelbar verständlich. Es scheitert schon daran, dass nicht alle von uns Hebräisch und Griechisch können, dass das Neue Testament in Griechisch geschrieben ist und das Alte Testament in Hebräisch und Aramäisch. Wir kommen gar nicht umhin zu übersetzen. Aber das ist nur die sprachliche Seite. Die größere Kunst ist, sich selbst zu verlassen und sich darauf einzulassen, über zusetzen zu dem Anderen, zu dem Fremden. Diese Hermeneutik des Verstehens des Anderen fordert uns schon in unserer gegenwärtigen wechselseitigen Kommunikation heraus.
Denn wenn wir miteinander reden, haben wir auch die Eigenart das zu verstehen, was wir verstehen wollen, den Anderen aus unserer Perspektive zu sehen. Wir sprechen dann nicht wirklich mit dem Anderen selbst, sondern mit dem Bild, das wir uns selbst von ihm gemacht haben. Es ist also eine Herausforderung, das andere Ufer, den Anderen, das Gegenüber im Anders-Sein wahrzunehmen.

Dies gilt auch für die Bibel; und deswegen ist es so wichtig, dass wir die Bibel nicht nur in Losungen zerschnipselt – möglichst noch nach eigener Auswahl zu uns nehmen. Gewiss, das gibt es: Ein Wort, das uns ins Herz trifft, als wäre es heute nur für uns geschrieben. Aber es geht zugleich und vor allem darum, die Bibel in ihrem Zusammenhang zu verstehen. Das Anders-Sein des Anderen wird dann besonders schwierig, wenn es sich uns zunächst als FremdSein darstellt. Da wo ich in den Bibeltexten etwas lese, was mir unbequem ist, da begegnet mir etwas Fremdes, das ich anpassen und einebnen will. Ob ich dies wissenschaftlich und mit den Grundsprachen angehe oder mit einer guten Übersetzung der Bibel – es ist jeweils die Kunst, mich auf die Texte als Texte einzulassen und nach ihrem Zusammenhang zu fragen. Zugleich ist es wichtig, dass ich nicht nur eintauche, um dort zu verweilen. Hermeneutik bedeutet über setzen, um wieder zurückzukommen. Es ist eine große Kunst, das, was ich dort am anderen Ufer Neues erfahre, in meine Gegenwart hinüberzubekommen, ohne es unterwegs zu „verwässern“. Hermeneutik ist also ein doppelter Vorgang: Ein mich selbst Distanzieren auf das Gegenüber hin, dasEinlassen auf das Gegenüber, das Eintauchen in das Dort – um dann zurück zu übersetzen in die Gegenwart. Das ist ein aufwändiges Geschäft. Manche kürzen das ab, um den Aufwand nicht zu groß zu machen, sie setzen sich zwar ins Ruderboot der Gegenwart, tauchen kurz und mit Klappern der Ruder im Nebel ein, um aber gleich wieder mit der Botschaft zurückkommen: „Ich sage euch jetzt, was die Bibel meint.“ Doch in Wahrheit sagen sie eher, was sie selbst schon immer sagen wollten, und nutzen die Bibelverse nur als Steinbruch für ihre eigenen Argumente. Das kann es nicht sein.

Was ist biblisch?
Das war die Einführung; jetzt kommt die Bitte um eine Differenzierung. Wenn wir kirchliche Papiere, theologische Ausführungen oder Anschreiben lesen, dann mögen wir häufig an dieser recht undifferenzierten Verwendung von Bibelstellen leiden. Deshalb schlage ich drei Unterscheidungen vor.

Biblisch 1:
Im Deutschen kann „biblisch“ bedeuten, dass etwas einfach in der Bibel vorkommt und erzählt wird. Der Brudermord des Kain z. B. Ist in diesem Sinne biblisch – denn er kommt in der Bibel in 1. Mose 4 vor. Manche sprechen bei schlimmen Naturkatastrophen von „biblischen Strafen“, eben weil von solchen Katastrophen in der Bibel gesprochen wurde. Damit meine ich natürlich nicht, dass wir „biblische Strafen“ gutheißen oder selbst provozieren sollten, sie werden ja zur Abschreckung beschrieben. „Biblisch 1“ ist also keine hermeneutische Kategorie. Wir können nicht sagen, nur weil etwas in der Bibel vorkommt, kann ich es zum Maßstab und zur Vorlage unseres eigenen Verhaltens machen.

Biblisch 2:
Von „biblisch 1“ müssen wir „biblisch 2“ unterscheiden, die Frage: Was meint diese Aussage im Zusammenhang? Dann lese ich die Zehn Gebote, wo steht: „Du sollst nicht morden“ (2. Mose 20,13). Damit steht fest, dass der Mord durch Kain eben nicht biblisch ist – im Sinne von biblisch vorgegeben, gewollt und erlaubt –, sondern als ein abschreckendes Beispiel erzählt wird.
„Biblisch 2“ gibt uns die Werte vor. Um dieses Bemühen, um das ursprüngliche und eigentliche Verständnis geht es – und zwar gerade bei strittigen Fragen.

Wir müssen uns die Arbeit machen zu fragen: „Wie wurde dieses Phänomen vor 2000 Jahren in der Urchristenheit beurteilt und im Wort Gottes bezeugt?“ Es geht um eine historische, eine sachliche Aussage. Aber dies allein würde bei aller Sorgfalt noch nicht genügen, denn wir wollen auch heute biblische Entscheidungen treffen. Ob wir mit dem Flugzeug, mit dem Zug oder mit dem Auto reisen – alle drei Phänomene sind „unbiblisch“ im Sinne von „biblisch 1“, denn sie kommen in der Bibel nicht vor. Deshalb kommen wir um den Schritt von „biblisch 2“ zu „biblisch 3“ nicht herum. Wir müssen das, was wir in der Bibel lesen über-setzen in unsere Welt. Wichtig ist: „Biblisch 2“ (die Feststellung des Zusammenhangs und Schriftsinnes nach bestem Wissen, Gewissen und Verstand) und „biblisch 3“ (die aktuelle Anwendung) müssen klar auseinandergehalten werden – nicht getrennt, aber deutlich unterschieden. Dass das bei den Debatten, die wir in den letzten Jahren pflegten, nicht hinreichend passiert ist, ist hermeneutisch unverantwortlich und wirkt verwirrend und unheilvoll. Einige springen dann unvermittelt von „biblisch 1“ in die Gegenwart (in der Bibel wurde auch gemordet und Unzucht getrieben, dann können wir das heute auch für die Gemeinde freigeben) und andere wieder verfälschen bei „biblisch 2“ den Wortlaut des griechischen Grundtextes und den historischen Kontext, um vorgeblich unter „biblisch 3“ bei dem eigenen erwünschten Ergebnis zu landen, das vielleicht ganz galant und politisch korrekt in die gegenwärtige Landschaft passt.

Biblisch 3:
ist also die Frage: „Wie gehe ich heute damit um, wie wende ich das heute an?“ Es gibt Beispiele, bei denen das ganz einfach ist; es gibt andere, da erweist es sich als durchaus schwierig. Es sei gleich zu Beginn festgestellt, dass es nicht ein Mangel an Glaube oder Denken sein muss, wenn wir bei „biblisch 3“ verschiedene Meinungen haben. Paulus hat dazu eindrückliche Beispiele gegeben (1. Korinther 8-10 und Römer 14). Dort ging es um das Fleisch, das vom Götzenopfer herrührte und auf dem Markt verkauft wurde. Paulus sagt: Ihr habt biographisch und von eurem Erkenntnisstand her verschiedene Voraussetzungen, ihr kommt zu verschiedenen Überzeugungen. Entscheidend ist, dass jeder seine eigene Überzeugung nach bestem Wissen und Gewissen und wahrhaftig begründet lebt. Lass dir von einem Anderen und seinem Gewissen nicht vorschreiben, was du als „biblisch“, als Gott wohlgefällig ansiehst. – Aber: Nehmt Rücksicht aufeinander! Du kannst deine Freiheit leben; aber wenn ein anderer durch deine Freiheit persönlich zerbricht, dann ist das ein Problem. Das heißt, dass bei „biblisch 3“ durchaus verschiedene Ergebnisse herauskommen mögen – vielleicht auf Dauer, vielleicht für eine Phase. Dieses Phänomen der verschiedenen Anwendung ist also nicht an sich schon „unbiblisch“, sondern es ist vielmehr nach „biblisch 2“ ein Modell, das bereits in der Schrift selbst vorgegeben ist. Damit sind wir aber bei dem Kern der Frage: Warum sollen wir uns auf die Bibel konzentrieren? Wie will die Bibel verstanden werden? Nun, die Bibel ist nach unserem Bekenntnis Wort Gottes. Ist sie Wort Gottes oder bezeugt sie Wort Gottes? Ist sie Gottes Wort oder Menschenwort? Ist sie beides oder kann sie nur eines sein? Wir haben im Neuen Testament an vielen Stellen – in besonderer Klarheit und Ausführlichkeit bei Paulus – eine klare Hermeneutik. Mich fasziniert es, von der Frage: „Wie verstehe ich die Bibel?“, fortzuschreiten zu der Frage: „Wie will die Bibel verstanden werden?“ Gibt es ein Verständnis vom Wort Gottes im Wort Gottes, sodass ich aus der Bibel heraus selbst eine Hermeneutik entfalten kann? Dazu Galater 1,11: „Denn ich tue euch kund, liebe Brüder, dass das Evangelium, das von mir gepredigt ist, nicht von menschlicher Art ist. Denn ich habe es nicht von einem Menschen empfangen oder gelernt, sondern durch eine Offenbarung Jesu Christi.“ Der Anspruch des Apostels Paulus ist, dass er nicht Menschenwort verkündigt. Das Selbstverständnis der Auferstehungszeugen ist nämlich, dass Gott, der Vater, ihnen Jesus Christus offenbart hat. Das heißt, Wort Gottes im engsten und eigentlichsten Sinn ist weder eine Schrift, noch ein Buch, sondern Jesus Christus selbst, in ihm, dem Sohn, hat sich der Vater selbst und letztverbindlich mitgeteilt. Dass wir das Wort Gottes heute überhaupt noch greifen können, das liegt daran, dass sich der auferstandene Jesus Christus den Frauen und Männern seiner Nachfolge persönlich geoffenbart und ihnen das Evangelium weitergegeben hat. Wir brauchen die Apostel – zu denen Paulus sich selbst zählte – als letzten in der Reihe all derer, die eine Auferstehungserscheinung hatten.

Gottes Wort ist uns durch Christus im Evangelium übergeben und von den Aposteln bezeugt. Bei den Paulusbriefen haben wir nun – und das fasziniert mich besonders – einen Autor, der zugleich Apostel und Verfasser neutestamentlicher Schriften ist. Lukas z. B. Beansprucht nicht, selbst zu dieser ersten Generation der Auferstehungszeugen zu gehören; er gibt sorgfältig weiter, was er von Anfang an genau erkundet hat (Lk 1,1-4). Insofern haben wir im Neuen Testament selbst bereits eine Abstufung der Überlieferungsgenerationen.

Dies lässt sich vielleicht durch das anschauliche Bild eines römischen Brunnens verdeutlichen. Ganz oben – noch oberhalb der ersten Schale – sprudelt das Wasser unmittelbar aus der Quelle bzw. der Zuleitung. Dies entspricht dem Wort Gottes in Person, das Jesus Christus als der eigentliche Ursprung und Inhalt des Evangeliums ist. Die allererste Schale entspricht dann dem Evangelium als dem Wort Gottes, das der Auferstandene seinen Aposteln bei seinen Erscheinungen gegeben hat, wie es Paulus in Gal 1,11-16 ganz ausdrücklich hervorhebt. Die zweite Schale, in die sich das Wasser von oben unmittelbar ergießt, ist uns mit dem Zeugnis der Apostel gegeben und gewissenhaft überliefert. Schon mit dem Neuen Testament haben wir – bildlich gesprochen als dritte Schale – die nächste Stufe der Verkündigung und Überlieferung der Apostelschüler wie z. B. Auch Timotheus. Nach 2. Timotheus 2,2 soll er das von Paulus empfangene Evangelium selbst wiederum anderen weitergeben, die ihrerseits in der Lage sind, andere zu lehren. Damit kommen bereits weitere Schalen über die Zeit des Neuen Testaments hinaus in den Blick, in denen das Evangelium empfangen, treu bewahrt und gewissenhaft weitergegeben wird.

Was meinen wir mit diesem Bild des römischen Brunnens, der zugleich den beständigen Fluss wie auch die Abstufung symbolisiert? Ein römischer Brunnen hat darin seine geheimnisvolle Faszination, dass er ganz oben – und nur dort – seine Quelle hat, aus der das Wasser sprudelt und sich in Stufen nach unten ergießt. Diese Quelle ist nach dem Selbstverständnis des Neuen Testaments das Wort Gottes in Person, Jesus Christus, der gekreuzigte und auferstandene Sohn Gottes, der gegenwärtig zur Rechten seines Vaters sitzt und im Heiligen Geist gegenwärtig und wirksam ist. Er hat das Evangelium seinen Jüngern und den wenigen anderen Auferstehungszeugen wie Paulus unmittelbar erschlossen und übergeben. Denn nach Paulus und den Evangelien hat sich der Auferstandene ihnen selbst gezeigt. Er hat sie belehrt über das Wesen und den Willen seines Vaters, über seine eigene Person und seinen Weg bis hin zu Kreuz und Auferstehung, über seine Vollmacht und seinen Auftrag an die Jünger bis zur Wiederkunft.

Somit sind wir heute angewiesen auf das Zeugnis der Apostel, wie es im Neuen Testament erhalten ist. Warum brauchen wir aber die Unterscheidung zwischen der zweiten Schale – d. h. Der Ebene des unmittelbar von Christus gegebenen Evangeliums und der dritten Schale – d. h. Des Zeugnisses der Apostel? In Galater 2,11ff. Erfahren wir von einem Fall, den man als hermeneutischen „Worst Case“ bezeichnen könnte, als einen „schlimmsten anzunehmenden Unfall“. Bei dem hier geschilderten Konflikt kommt es im Zusammenhang der Abendmahlsgemeinschaft zu der Situation, dass mit Petrus und Paulus zwei Apostel konträre Entscheidungen treffen und im Blick auf die „Wahrheit des Evangeliums“ das Gegenteil verkündigen. Was gilt jetzt? Paulus – obwohl Apostel – verpflichtet sich selbst im 1. Kapitel des Galaterbriefs und sagt: „Ich muss mich auch und gerade als Apostel streng an die Wahrheit des Evangeliums halten; und wenn ich abweichend von dem Evangelium verkündige, das mir Jesus als Auferstandener gegeben hat, dann wollte ich verflucht sein.“ Dieser „Eventualfluch“ in Galater 1,6ff. Wirkt auf uns zunächst verstörend, er bringt aber grundlegend zum Ausdruck, dass Paulus nicht sich selbst verkündigt und nicht selbst Maßstab ist, sondern allein das ihm offenbarte Evangelium. Nicht er ist die Quelle, das ist Jesus Christus; und nicht er ist Maßstab, sondern auch er ist an der vorgegebenen Wahrheit des Evangeliums zu messen und davon abhängig. Die besondere Autorität als Apostel liegt ausschließlich darin, dass er das Evangelium, das Christus ihm anvertraut hat, nach bestem Wissen und Gewissen so weitergibt, wie Christus es ihm vorgegeben hat.

Damit haben wir eine klare Differenzierung und Hierarchisierung bei dem Gebrauch der Bezeichnung „Wort Gottes“. Vorgeordnet, in letzter Verbindlichkeit und an höchster Stelle gilt erstens als Wort Gottes Jesus Christus in Person.

Zweitens ist Wort Gottes das von Christus offenbarte vorgegebene Evangelium, das wir ohne das Zeugnis der Apostel nicht hätten, weil wir nicht bei den Auferstehungserscheinungen dabei waren. So gilt drittens im Neuen Testament als Wort Gottes das Zeugnis des Evangeliums Jesu Christi durch die Apostel – und in Abhängigkeit von ihnen schließlich durch die Schüler der Apostel.

Das Bild vom römischen Brunnen

Wenn jemand den „römischen Brunnen“ versteht, kann er mutig Theologie studieren und ist für manche Glaubenskrise gewappnet. Denn er glaubt nicht an sein eigenes Schriftverständnis und nicht an Menschen oder menschliche Zeugnisse, sondern an den lebendigen Sohn Gottes, Jesus Christus. Dieser offenbart sich durch seinen Geist auch heute noch im Evangelium durch das Zeugnis der Apostel in den Schriften des Neuen Testaments. Es mag sein, dass in meiner Gemeinde zu einem bestimmten Punkt sechs Theologen sieben Meinungen vertreten. Das muss mich aber nicht anfechten. Es mag sein, dass ich im Neuen Testament – und vor allem im Blick auf das Alte Testament – Aussagen finde, die ich nach meinem Stand der Erkenntnis nicht einordnen und mit meinem Verständnis von Evangelium zusammenbringen kann. Dann muss ich nicht sagen „Der eine denkt so, der andere denkt so“, sondern dann bin ich von den Aposteln eingeladen und vom Evangelium gefordert, zu prüfen, nachzufragen und um die Wahrheit des Evangeliums zu ringen! Denn wir sind einbezogen. Wir sind – gewissermaßen als unterste Schale des römischen Brunnens – in den Überlieferungsprozess einbezogen. Wir sind zur Podiumsdiskussion der neutestamentlichen Zeugen eingeladen. Deshalb ermutige ich Theologiestudierende so gern, sich einzuschalten in die Diskussion der Zeugen des Wortes Gottes; nicht locker zu lassen, sondern zu sagen: „Jetzt will ich es aber genau wissen! Was ist das Evangelium? Was ist die eine Wahrheit des Evangeliums in der Vielstimmigkeit dieses Zeugnisses?“ Wir sind gewürdigt und in Verkündigung, Lehre und Seelsorge herausgefordert, theologisch verbindliche Urteile zu fällen. Aber nicht, indem wir beliebig sagen: „Das ist mir sympathisch, das hat mir schon immer gefallen, also spreche ich dir das mal so zu.“ So kämen wir nur zu willkürlichen Urteilen unserer eigenen Vorurteile. Inhalt, Quelle und Maßstab ist jeweils nichts anderes und nicht weniger als Jesus Christus selbst, der uns durch seinen Geist in dem biblischen Zeugnis seines Evangeliums gegenwärtig ist.

Jetzt aber sind wir bei der eigentlich spannenden Frage: Ist das Wort – gemäß dem Modell des römischen Brunnens – nun Wort Gottes oder ist es Menschenwort? Das Faszinierende ist: Dies erweist sich als ein falscher Gegensatz! Wort Gottes im eigentlichsten Sinne ist Jesus Christus in Person. Wenn dieser Christus deine Mitte ist, dann kann dich keine Hermeneutik oder Theologie mehr aus den Angeln heben, denn dann hast du das tragende Wort Gottes. Warum ist es so wichtig, dass wir das in der Schrift bezeugte Evangelium von Jesus Christus als Wort Gottes erkennen? Nun, wir haben nicht nur eine Abstufung von oben nach unten – im Sinne von „immer weniger Autorität, immer mehr Angewiesensein auf Kritik“ –, sondern es gilt auch umgekehrt: Wenn niemand aus der untersten Schale des Brunnens in Form von theologischen Verfälschungen und Irrlehren „giftiges Wasser“ in eine obere Schale des Brunnens spritzt, dann wirkt der Heilige Geist auch in unserer Verkündigung, Lehre und Seelsorge.

Das Wort Gottes ist Dynamis und es hat Kraft. Es ist deshalb so wichtig, dass wir wirklich das Wort Gottes verkündigen und nicht unsere Lieblingsmeinung. Überall dort, wo es erklingt, hat es in sich selbst die Kraft, den Glauben zu wirken. Es sind nicht die Menschen, die sich für Gott entscheiden – es ist Gott, der sich für die Menschen entscheidet. Es sind nicht unsere Worte, die Menschen überzeugen, es ist die Kraft des Wortes Gottes und des Evangeliums. Wenn wir nichts anderes tun wollen, als Christus allein, allein seine Gnade, allein die Schrift und allein den Glauben den Menschen zuzusprechen, dann erleben wir heute das, was geschah als Christus den Auferstehungszeugen begegnete. Gott will auch heute durch uns sprechen. Und deshalb gilt nicht nur: Das Neue Testament ist Gottes Wort im menschlichen Zeugnis –, sondern es gilt zugleich: Euer menschliches Wort soll als Gottes Wort wirken.

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