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Ist Gott unerforschlich?

Prof. Dr. Siegfried Scherer

Was ein Biologieprofessor über die Erforschung des Lebens sagt.


Kann ein Biologe durch die Erforschung des Lebens Gott erkennen? Als Christ wird man wohl mit einem klaren „Ja“ antworten. Ein Atheist wird dagegen mit einem ebenso klaren „Nein“ reagieren. Während ein Theist gerne auf die genial erscheinenden, komplexen Merkmale des Lebens hinweist, glaubt der Materialist an eine ausschließlich durch materielle Prozesse getriebene, geistlose Entstehung und Evolution des Lebens, in der er keinen Hinweis auf einen Schöpfer sieht.

Kann man Gott mit biologischen Methoden erforschen?
Biologen verwenden die empirische Methode des naturwissenschaftlichen Erkenntnisprozesses. Teil dieser Methode ist es, alle „übernatürlichen“ Ursachen und Erklärungen (also Gott) explizit oder implizit aus der Betrachtung auszuschließen (methodischer Atheismus). Kurz: Man nimmt an, dass Gott nicht auf den Untersuchungsgegenstand einwirkt. Auch ich als Christ erforsche das Leben unter dieser Voraussetzung.

Wenn man Gott jedoch a priori ausschließt, kann man in der Folge auch keine Aussagen über Gott gewinnen – weder im bestätigenden noch im widerlegenden Sinn. Das ist der Grund, warum man ein theistisches Weltbild mit der empirischen Methode nicht bestätigen kann. In diesem Sinne ist Gott unerforschlich. Andererseits taugt die Naturwissenschaft aus dem gleichen Grund auch nicht als Argument gegen die Existenz eines Gottes, obgleich sie von atheistischer Seite regelmäßig und fälschlicherweise so verwendet wird.

Die Erkenntnismöglichkeiten der naturwissenschaftlich arbeitenden Biologie sind also methodisch begrenzt und können nur einen Teil der Wirklichkeit erfassen. Aus diesem Grund sind biologische Theorien, wie alle naturwissenschaftlichen Theorien, „religionsneutral“. Wenn diese Tatsache in einer Diskussion deutlich werden kann, ist sehr viel gewonnen. Der Weg zu der Einsicht, dass Atheismus oder Materialismus nicht weniger Weltanschauung sind als der Theismus, wäre dann nicht weit. Es ist ein vorrangiges Ziel christlicher Apologetik, diese Einsicht zu vermitteln.

Doch zurück zum evolutionsbiologischen Argument des Materialisten: Stimmt es denn, dass die Biologie ein überzeugendes Erklärungsmodell für die Entstehung des Lebens und die Evolution der biologischen Information hat, welche den atemberaubend komplexen und zielgerichteten Strukturen des Lebens zugrunde liegt? Nach über 30 Jahren biologischer Grundlagenforschung an verschiedenen Universitäten bin ich je länger je mehr der Überzeugung, dass dies nicht der Fall ist. Die Erklärungsdefizite bisheriger evolutionsbiologischer Theorien treten angesichts fast täglich neuer, faszinierender Erkenntnisse über die molekularbiologischen Grundlagen des Lebens zunehmend deutlich hervor.

Nun sind Erklärungsdefizite der Evolutionsbiologie ganz sicher kein Beweis für die Existenz eines Schöpfers. Bekanntermaßen ist alle Wissenschaft vorläufig und niemand kann ausschließen, dass in Zukunft Erklärungen gefunden werden, die man heute noch nicht kennt. Allerdings kann man bis auf Weiteres auch nicht ausschließen, dass die beobachteten Erklärungsdefizite fundamentaler Natur sind. Es könnte sein, und man kann dafür Argumente ins Feld führen, dass es Aspekte des Lebens gibt, welche grundsätzlich nicht auf Eigenschaften der Materie reduzierbar sind (z.B. die Existenz von biologischer Information, Bewusstsein oder Werten).

Wenn das stimmen würde, dann könnte auch die Entstehung dieser Aspekte des Lebens grundsätzlich nicht durch rein materielle Prinzipien erklärt werden. Aber auch damit hätte man keinen wissenschaftlichen Beweis für die Existenz eines Schöpfers. Allerdings wäre das die Widerlegung eines unter Biologen noch immer weit verbreiteten, reduktionistischen Weltbildes.

Kann man Gott in der Natur erkennen?
Paulus findet im Römerbrief deutliche Worte: „Was Menschen von Gott wissen können, ist ihnen bekannt, er selbst hat es ihnen vor Augen gestellt. Denn Gottes unsichtbare Wirklichkeit, seine ewige Macht und sein göttliches Wesen sind seit Erschaffung der Welt in seinen Werken zu erkennen.“ (Röm. 1,19-20)

Jeder Mensch kann die Herrlichkeit Gottes in der Schöpfung erkennen. Dazu muss man nicht Biologie studieren, man muss nicht einmal lesen und schreiben können. Es handelt sich nicht um ein naturwissenschaftliches Erkennen, sondern um eine unmittelbare Form der Gottesoffenbarung, welche Verstand, Emotion und Intuition gleichermaßen umfasst. In der Schöpfung begegnet uns auf geheimnisvolle, analytisch nicht fassbare Weise das Transzendente im sichtbar Wahrnehmbaren.

Paulus sagt: Jeder Mensch kann das erkennen – das gilt auch für Biologen, die nicht an Gott glauben. Wie oft schwärmen meine Kollegen von den Wundern der Natur, zuweilen sogar von den Wundern der Schöpfung. Verehren viele Biologen die Schöpfung, weil sie dem Schöpfer (noch) nicht begegnet sind?

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