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Widersprechen biologische Fakten der Idee von menschlicher Freiheit?

Prof. Dr. Boris Kotchoubey

Der freie Wille spielt bei der Frage nach dem Selbstverständnis des Menschen eine zentrale Rolle. Welchen Beitrag kann die Neurowissenschaft zu dieser Frage leisten? Ist es so, wie viele annehmen, dass biologische Fakten der Idee der Freiheit widersprechen? Unser Autor Boris Kotchoubey sagt: „Genau das Gegenteil ist der Fall. Als unfreie Wesen könnten wir unser Leben sehr wahrscheinlich gar nicht führen.“


„Die Lüge muss nur oft genug wiederholt werden, dann wird sie zur Wahrheit.“ Von wem dieses geflügelte Wort stammt, ist nicht genau bekannt. Fest steht, es trifft immer wieder zu. So auch auf die folgende Aussage: „Die Neurowissenschaft zeigt, dass wir keinen freien Willen haben.“

Dies wurde schon so oft in der Presse wiederholt, dass alle glauben, neurowissenschaftliche Untersuchungen seien tatsächlich zu diesem Ergebnis gekommen. Selbst Verfechter der Willensfreiheit scheinen daran zu glauben. Sie schlussfolgern deshalb, dass sich die Neurowissenschaft schlicht und einfach kein Urteil über den freien Willen erlauben kann – Willensfreiheit sei ein Konzept, welches naturwissenschaftlich weder bewiesen noch bestritten werden könne. Das ist zwar korrekt im Sinne eines endgültigen Beweises: Einen solchen kann die Naturwissenschaft in der Tat nicht liefern. Dennoch tragen die Ergebnisse der neurobiologischen Forschung schon seit Jahrzehnten zur Erklärung des freien menschlichen Verhaltens bei und sprechen damit deutlich für – nicht gegen – die Willensfreiheit.

Keine empirischen wissenschaftlichen Befunde gegen Freiheit Benjamin Libet stellte bei einem Experiment in den 1980er Jahren fest, dass bereits vor einer bewussten Entscheidung, eine Bewegung auszuführen, die elektrische Aktivität der Hirnrinde ansteigt. Daraus wurde der Schluss gezogen, dass das Gehirn diese Entscheidung „selbständig“ und ohne Zutun der menschlichen Person trifft. Heute jedoch wird das Experiment von keinem aktiven experimentierenden Neuroforscher mehr ernst genommen. Warum? Es gibt viele Veröffentlichungen über seine methodischen Nachteile. Sie reichen von komplexen methodologischen Aspekten (dass z. B. Der Moment der subjektiven Entscheidung erst viel später und daher höchst ungenau festgestellt wird), bis zu den groben arithmetischen Auswertungsfehlern, die noch 2002 von den neuseeländischen Forschern J. Trevena und J. Miller in Libets Daten gefunden wurden.

Zieht man diese zur Korrektur, verschwindet das berühmte Resultat fast komplett. Das Experiment war zwar in seinen Grundrissen für seine Zeit genial, wurde aber in den vergangenen Jahrzehnten längst überholt. Es gibt einen wichtigen Punkt, in dem sich die meisten Neurowissenschaftler, die die Arbeit von Libet fortsetzen, einig sind: Der bewussten Entscheidung geht eine unspezifische Hirnaktivität voran. Das Gehirn bereitet sich somit einfach zu irgendeiner Bewegung vor – nicht aber zu dieser oder jener. Die spezifische Hirnaktivität dagegen, die eine Vorbereitung zu einer konkreten Handlung widerspiegelt, folgt erst nach der Entscheidung. Neben vielen anderen Kritikpunkten reicht allein dieser aus, um den Mythos über einen experimentellen Beweis der Nicht-Existenz der Freiheit endgültig ad acta zu legen.

Interessant ist auch, dass Libet selbst die freiheitsleugnende Deutung seiner Experimente immer vehement abgelehnt hat! Ihm war klar, dass das Vorangehen elektrischer Hirnaktivität noch kein Beweis gegen die Willensfreiheit wäre.

Ein anderes Argument gegen den freien Willen lautet, dass unsere Vorstellung von eigenen, freien Entscheidungen oft nicht hinreichend ist. Das stimmt, denn beispielsweise kann man unter Hypnose eine unsinnige Handlung ausführen und sich diese Handlung später so erklären, dass man wahrhaftige Motive dazu hätte; tatsächlich aber folgte die Handlung keinem Motiv, sondern allein dem Befehl des Hypnotiseurs. Aus solchen Beispielen jedoch zu schließen, dass wir gar keinen freien Willen hätten, ist absurd. Denn Fehler gibt es in jedem Bereich seelischer Tätigkeit. Im Dunkeln sehe ich einen gefährlichen Räuber, wo tatsächlich nur ein Gebüsch steht; und unter dem Einfluss anderer Menschen „erinnere“ ich mich sogar an Ereignisse, die es nie gab. Solche Irrtümer sind jedem Psychologen bekannt, doch niemand sagt deshalb, dass es überhaupt kein „Sehen“ und kein „Gedächtnis“ gibt, nur, weil uns Wahrnehmung und Gedächtnis manchmal täuschen.

Wenn die beiden faktenbasierten Argumente gegen den freien Willen nicht taugen, warum werden sie so oft wiederholt? Ein Zitat von Prof. W. Prinz, einem führenden Vertreter der These „Neurowisschenschaft schafft den freien Willen ab“, wirft Licht darauf. Auf die Frage, ob das Libet-Experiment die Nicht-Existenz der freien Wahl beweist, antwortete er: „Ja. Aber um festzustellen, dass wir determiniert sind, brauchen wir dieses Experiment nicht. Die Idee eines freien menschlichen Willens ist mit wissenschaftlichen Überlegungen prinzipiell nicht zu vereinbaren. Wissenschaft geht davon aus, dass alles, was geschieht, seine Ursachen hat und dass man diese Ursachen finden kann.“ Mit anderen Worten sind experimentelle Ergebnisse bloß ein Vorwand und kein wirklicher Grund für die gegenwärtige Kritik an der Willensfreiheit. Kritisiert wird sie aus den altbekannten philosophischen Gründen, die sich seit den Zeiten von Baron de La Mettrie (18. Jh.) oder Carl Vogt (19. Jh.) wenig geändert haben. Da aber diese Argumente auf der philosophischen Ebene längst wiederlegt wurden, ignorieren wir sie an dieser Stelle und gehen zurück zu den naturwissenschaftlichen Fakten. Aus neurobiologischer Sicht ist Freiheit nicht nur möglich, sondern notwendig.

Zur Rechtfertigung von La Mettrie und Vogt sollte ich allerdings sagen, dass man in ihrer Zeit noch glauben konnte, das Gehirn sei eine deterministische (d. h. Auf völlig regulierte Art und Weise funktionierende) Maschine. Heute ist diese Vorstellung nicht mehr haltbar. Wir wissen genau, dass das Gehirn nicht nach strengen „mechanischen“ Gesetzen, sondern nach Wahrscheinlichkeitsgesetzen arbeitet. Das einfachste Beispiel dafür ist die Übertragung eines Impulses von einer Nervenzelle auf die andere. Diese Übertragung erfolgt durch die Ausschüttung von Molekülen eines Botenstoffes in den Spalt zwischen den zwei Nervenzellen. Die Moleküle schwimmen in diesem Raum und einige von ihnen erreichen die zweite Nervenzelle und erregen sie. Wird die erste Zelle stärker erregt, schüttet sie mehr Moleküle in den Spalt aus und erhöht damit die Wahrscheinlichkeit, dass mindestens ein Molekül die zweite Zelle erreicht. Der Prozess ist aber nicht deterministisch: Manchmal kann es passieren, dass von wenigen Molekülen zufällig relativ viele die zweite Zelle erreichen und sie stark erregen, oder umgekehrt, dass von sehr vielen Molekülen zufällig keine das Ziel trifft.

Das andere Vorurteil aus der Neurowissenschaft des 19. Jahrhundert ist die Vorstellung, dass unsere Bewegungen unmittelbar vom Gehirn gesteuert werden können. Dass dies nicht der Fall sein kann, stellte in der Mitte des 20. Jahrhunderts der Begründer der Bewegungswissenschaft, der deutschrussische Neurophysiologe Nikolai Bernstein fest. Wegen der enormen Komplexität des motorischen Apparats kann jede Bewegung (z. B. Das Greifen nach einem Bleistift) durch eine praktisch unbegrenzte Anzahl verschiedener Erregungsmuster im Nervensystem verwirklicht werden. Wie wird aber das eine Erregungsmuster gewählt, mit dem ich jetzt gerade nach dem Bleistift greife? Es ist, als ob das Gehirn eine einzige Gleichung mit zigtausenden Unbekannten lösen würde. Dieses Problem, welches „das Problem der überflüssigen Freiheitsgrade“ bzw. das „BernsteinProblem“ genannt wird, ist die zentrale Frage der gesamten Kinesiologie.

Stellen Sie sich vor, Sie müssten unter einer Million Optionen wählen, die alle zu sehr ähnlichen Resultaten führen. Das wäre ja nahezu unmöglich! Wie kann jedoch das Gehirn unter – nicht einer Million, sondern Milliarden – Optionen wählen, und das auch noch in Bruchteilen einer Sekunde? Die Antwort ist viel einfacher als sie scheint: Das Gehirn tut es gar nicht! N. Bernstein hat als Arbeitsphysiologe tausende monotone Bewegungen wie etwa Hammerschläge unter die Lupe genommen und kam zu dem Schluss, dass es keine zwei identischen Hammerschläge gibt! Schulter, Oberarm, Unterarm, Hand folgen bei jedem Schlag einer anderen Bahn. Es sieht so aus, als ob das Gehirn nicht die Muskeln, sondern an den Muskeln vorbei direkt den Hammer steuert. Was steckt dahinter? Es ist so: Für jede Bewegung bildet sich im Gehirn ein oberstes Zentrum, eine „Exekutive“, die von einem Bewegungsablauf zum anderen auch unterschiedlich sein kann. Sie steuert aber nicht die Bewegung im Ganzen, sondern bestimmt nur sehr wenige wichtigste Parameter, vor allem die Aufgabe der Bewegung. Alles andere, die Millionen Eigenschaften jedes konkreten Bewegungsablaufs, werden freigegeben. Die Exekutive kümmert sich nicht darum. Sie werden von anderen Strukturen im Gehirn und nicht zuletzt erst im Rückenmark im Laufe der Ausführung festgelegt. Das Gehirn bewegt den Arm also nicht, es lässt ihn bewegen! Wie eine wirklich gesteuerte (unfreie) Bewegung aussieht, sieht man am Beispiel eines Erstklässlers, der versucht, ein A zu schreiben. Er muss seine gesamte Muskulatur unter Kontrolle halten, damit sich die Finger richtig bewegen. Diese Kontrolle verbraucht enorme Energie. Kein Wunder, dass ihm danach nicht nur die Hand, sondern sogar auch die Schultern und der Rücken wehtun. Bei jeder unerwarteten Störung bricht die Bewegung auseinander.

Im Laufe des Lernens befreit sich aber die Handlung und wird nicht mehr kontrolliert. Obwohl das Kind lediglich gelernt hat, ein A mit einem Stift in ein waagerechtes Heft zu schreiben, kann es nun entspannt und störungsresistent durch seine Armbewegungen genauso auf einer Tafel oder sogar mit dem Fuß in den Sand schreiben – und immer kommt dabei ein unverkennbares A heraus. Die Befreiung der Bewegung besteht also darin, dass sie jetzt viel mehr von der Aufgabe abhängt (hier ein A zu schreiben) und viel weniger von den konkreten Bedingungen, in denen die Bewegung abläuft (horizontal oder vertikal, Hand oder Fuß, Papier oder Sand usw.). Damit sind wir schlussendlich an den Punkt gelangt, an dem wir die Freiheit naturwissenschaftlich definieren können. Eine Handlung ist frei in dem Maße, in dem sie nicht von den Bedingungen ihrer Ausführung abhängt, sondern von den künftigen Bedingungen, die erst infolge ebendieser Handlung als ihr Resultat entstehen werden. Anders gesagt: Eine Handlung ist frei, wenn sie nicht vom Gegebenen, sondern vom Aufgegebenen abhängt.

Diese Definition bedeutet erstens, dass die Freiheit nicht mit uns Menschen beginnt. Auch Tiere sind frei im Maße der Komplexität ihres Verhaltens. Für jemanden, der mal einen Vogelflug oder spielende Kätzchen beobachtet hat, sollte dies nicht weiter verwunderlich sein. Zweitens hängt die Freiheit aufs Engste mit der Variationsbreite und Wandelbarkeit der Welt zusammen. Eine geschickte Bewegung ist ständig in Veränderung, in Anpassung an die kleinsten Details der sich immer ändernden Umgebung. Damit ist die Frage erledigt, die seit Jahrhunderten in den Diskussionen über die Willensfreiheit zum Stolperstein wurde: Könnte ein Mensch anders – oder war eine bestimmte Tat, die er beging, als die einzig mögliche vorbestimmt? Der Mensch kann aber nicht anders – er muss anders! Die traditionelle Frage beruht auf der abstrakten Annahme, die Situation, in der die Tat begangen wurde, sei wiederholbar; erst dann kann man fragen, ob bei ihrer exakten Wiederholung die Person doch anders entscheiden können würde oder immer die gleiche Tat vollziehen müsste. Dieses Dilemma verliert seine Logik, wenn wir anerkennen, dass eine Bewegung eben dadurch erst frei wird, dass sich eine Lage niemals genau wiederholt. In einer neuen Situation – und es ist völlig egal, wie winzig die Veränderung wird – ist selbstverständlich eine ganz andere Handlung möglich und notwendig. Das leiseste Geräusch kann ausreichen, damit ein potentieller Mörder erschrickt und die geplante Tat ausbleibt.
Drittens entspricht diese Definition größtenteils unseren intuitiven Gedanken über die Freiheit. Wir sind frei, wenn wir unsere Ziele und die Mittel, um sie zu erreichen, wählen können; wenn wir entscheiden können, was uns passt und was nicht. Wir sind nicht frei im Sinne von einer absoluten Unbestimmtheit unserer Handlungen. Ein Chaot, der keine Ahnung hat, was er im nächsten Augenblick tut, wird nicht nur von den anderen als unfrei angesehen, sondern er empfindet sich auch selbst so. Genauso wenig sind wir frei im Sinne von einer „inneren Determination“. Auch das ist vom gesunden Menschenverstand begreiflich. Krämpfe und Husten sind innerlich (d. h. Vom Zustand des Organismus) determiniert, aber niemand zählt sie zu den willkürlichen Handlungen. Um frei zu sein, müssen wir weder gegen Naturgesetze verstoßen können, noch von allen Einflüssen isoliert werden. Bei einer wichtigen Entscheidung, z. B. Einem Jobwechsel, hole ich gerne auch Ratschläge anderer Personen ein. Das bedeutet aber nicht, dass die Weise, auf die ihre Ratschläge meine Entscheidung bestimmen, vergleichbar ist mit dem Stoß einer Billardkugel auf die Bewegung einer anderen Kugel.

Viertens geht mit einer freien Bewegung notwendigerweise eine Wahl im Sinne vom Prioritätensetzen einher. Immer wenn die Exekutive aus den tausenden von Bewegungsparametern nur eine sehr kleine Anzahl der wichtigsten Parameter im Voraus bestimmt und alle sonstigen freigibt, muss sie wählen und damit eine Verantwortung übernehmen. Denn wenn die Wahl der zu kontrollierenden Variablen falsch ausfällt, misslingt die Handlung (z. B. Wenn die Exekutive die Parameter steuert, die es besser wäre freizugeben und auf die Kontrolle dessen verzichtet, was kontrolliert werden sollte). Bei einer unfreien Bewegung versucht die Exekutive dagegen, alles zu kontrollieren; und wenn sie nicht alles kontrolliert, dann, weil sie nicht kann, und nicht, weil sie auf die Kontrolle verzichtet. Der für freie und flexible Bewegungen notwendige Verzicht auf Kontrolle setzt Verantwortung voraus.

Schlussbemerkungen Diese Überlegungen erschöpfen natürlich nicht die Gesamtheit unseres Freiheitsbegriffs mit all seinen Facetten wie beispielsweise politischer oder künstlerischer Freiheit. So ist die Entstehung der Fähigkeit, die Handlungsaufgaben genauso frei zu wählen wie wir auch die Mittel der Aufgabenlösung frei wählen, ein Thema, das den Rahmen dieses Artikels sprengen würde. Auch diese Vorgänge werden neurowissenschaftlich untersucht und beziehen sich u. a. Auf die Mechanismen der Werkzeugnutzung und des bereits bei vielen Tierarten hochentwickelten freien Spielverhaltens. Zu erwähnen ist hier nur der gigantische und mit keiner Tierart vergleichbare Hemmmechanismus im Frontallappen des menschlichen Gehirns. Damit ist der Mensch das einzige Lebewesen, das zu einem fast unbegrenzten Aufschieben seiner Handlungsabsichten fähig ist.

Aber schon das oben Gesagte über die neurobiologische Basis der Freiheit reicht aus, um zu zeigen, dass das freie Verhalten nicht nur möglich, sondern notwendig ist, damit wir in einer unendlich komplexen Welt zurechtkommen. Die Behauptung, dass biologische Fakten der Idee der Freiheit widersprechen, entbehrt jeglicher Grundlage. Genau das Gegenteil ist der Fall. Als unfreie Wesen könnten wir wahrscheinlich unser Leben gar nicht führen.

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