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Wie historisch glaubwürdig ist das Neue Testament im Vergleich zu anderen antiken Quellen?

Dipl. theol. Fabian Mederacke

Die Glaubwürdigkeit des Neuen Testaments und damit die Berichte um Jesus von Nazareth werden in populärer Literatur und Romanen wie Dan Browns „Sakrileg“ angezweifelt. Kaiser Konstantin soll Teile der Bibel entfernt oder hinzugefügt haben, um seine eigene Macht zu sichern. Verschwörungstheoretiker behaupten auch, dass der Vatikan Teile der Bibel in seinen Archiven verborgen hält, die das Christentum verändern würden. Die Jugendorganisation einer deutschen Partei behauptete, dass es beim christlichen Glauben nur um eine „Hirtenmythologie“ gehe, von der man sich nun zu befreien habe.

Dahinter steht die Frage: Ist das Neue Testament historisch glaubwürdig? Einige Autoren haben sich damit schon beschäftigt und die Inhalte auf ihre Glaubwürdigkeit hin bewertet. Doch wie sieht es statistisch aus? Wie historisch glaubwürdig ist das Neue Testament im Vergleich zu anderen antiken Quellen?

I. Wie wird die Glaubwürdigkeit von antiken Dokumenten beurteilt?

Wenn Geschichtswissenschaftler Quellen beurteilen, spielen viele Faktoren eine Rolle. Drei wichtige sind der zeitliche Abstand der vorliegenden Quellen 1. zum eigentlichen Geschehen, 2. zur Erstverschriftlichung und 3. die Anzahl der heute noch erhaltenen Dokumente.

1. Der zeitliche Abstand der vorliegenden Quellen zum Geschehen bzw. zur ersten Aufzeichnung

Viele antike Dokumente beschreiben Ereignisse und Personen, die viele Jahre zuvor geschehen sind bzw. gelebt haben. Beispielsweise erzählt der griechische Poet Homer (ca. 8. Jh. v. Chr.) in der „Ilias“ den Weg der griechischen Geschichte und beschreibt z.B. die Belagerung Trojas (1200 v. Chr.). Dazwischen liegen ca. 400 Jahre.

Andere Autoren sind näher am eigentlichen Geschehen. Gaius Iulius Caesar schildert in „Über den Gallischen Krieg“ seine eigene Sichtweise der römischen Eroberung Galliens in den Jahren 58 bis 51/50 v. Chr., welche die Comics um Asterix und Obelix inspirierten. Veröffentlicht wurde das Werk noch zu Lebzeiten Caesars.

Die originalen Erstaufzeichnungen der Werke sind verloren gegangen. Eine Erstausgabe von „Über den Gallischen Krieg“ mit Signatur Caesars wird man sich daher nicht ins Regal stellen können. Die erste erhaltene Kopie ist 900 Jahre jünger als das Original. Dennoch - durch die Popularität der Werke gibt es viele Abschriften und Kopien, die bis heute erhalten sind und uns über die Antike Auskunft geben.

Kopien wurden bis zur Erfindung des Buchdrucks durch Abschreiben erstellt. Dabei wurde auf äußerste Präzision geachtet. Dennoch kam es über die Jahrhunderte hinweg zu Fehlern und Veränderungen. Dadurch können heute verschiedene Kopien miteinander verglichen werden. Historiker erforschen dies in der sogenannten Überlieferungsgeschichte. Sie versuchen möglichst nah an den ursprünglichen Text heranzukommen und diesen wiederherzustellen.

Umso geringer der Abstand zwischen dem eigentlichen Geschehen und der Erstverschriftlichung bzw. den vorliegenden Kopien ist, desto weniger Zeit bleibt, um neue Abschriften zu erstellen und somit Fehler zu machen. Das heißt, je näher die Kopie am eigentlichen Geschehen bzw. am Original ist, umso vertrauenswürdiger ist sie.

2. Anzahl der Kopien

Ein weiteres Indiz, das Historiker untersuchen, ist die Anzahl der Kopien. Je mehr Quellen uns heute vorliegen, umso mehr können miteinander verglichen werden und umso besser kann der ursprüngliche Text der Erstausgabe rekonstruiert werden.

Hierbei geht es um sogenannte Handschriften und Papyri. Die meisten Handschriften stammen aus der Zeit des Mittelalters (ca. 500-1500 n. Chr.) und sind z.B. in Klosterschreibstuben angefertigt worden. Papyri gab es schon im 3. Jahrtausend v. Chr. Daher sind Papyri meist älter als Handschriften, kommen aber auch seltener vor.

Die Indizien des zeitlichen Abstands der vorliegenden Quellen zur ersten Aufzeichnung und die Anzahl der heute noch erhaltenen Dokumente können auch miteinander kombiniert werden. Je mehr alte Quellen es gibt, die möglichst nahe am eigentlichen Geschehen bzw. am Original sind, desto besser lässt sich der ursprüngliche Text wiederherstellen.


II. Was ist die Quellenlage für antike Dokumente?

Die folgende Tabelle zeigt die Quellenlage einiger antiker Autoren bzw. Werke anhand der Anzahl der heute noch existierenden Quellen und der Jahre zwischen dem Original und der ersten Kopie, die uns heute vorliegt. Da die Inhalte und der Stil der Erstveröffentlichung stark von den Motiven der Autoren abhängen, wird in diesem statistischem Vergleich der zeitliche Abstand vom eigentlichen Geschehen zum Original außen vor gelassen. Zahlreiche Artikel sind dazu schon veröffentlicht.

Autor

Werk

Anzahl der Kopien

Jahre zwischen Original und dem ersten Textzeugen

Neues Testament

27 Einzelschriften

5000+

40-70

Homer

Ilias

189

450

Vergil

Bucolica, Georgica, Aeneis

1000+

250

Sallust

Catilina, Jugurtha

500+

200

Livius

Ab urbe condita

370+/-

400

Caesar

Gallischer Krieg, Bürgerkrieg

251

900

Sueton

Kaiserviten

225+

700

Thukydides

Historien

116

800

Josephus

Jüd. Krieg, Altertümer, Leben, Gegen Apion

133

200

Herodot

Historien

60+/-

400

Tacitus

Annalen, Historien

35

700

III. Wie historisch glaubwürdig ist das Neue Testament im Vergleich zu anderen antiken Quellen?

Die uns heute vorliegenden ersten Kopien und Teile des Neuen Testaments sind wesentlich näher (40-70 Jahre) an den Originaltexten als die Funde aller anderen antiken Autoren. Der jüdische Kriegsberichterstatter Flavius Josephus kommt dem noch am nächsten. Der erste Fund ist dort 200 Jahre jünger als die Originalquelle. Großen zeitlichen Abstand finden wir z.B. bei Caesars „Über den Gallischen Krieg“ mit 900 Jahren. Im Vergleich zu den anderen nicht-christlichen Autoren ist Josephus zwar relativ nahe am Geschehen, doch ist die uns heute vorliegende Anzahl an Kopien recht gering.

Von Homer und Vergil gibt es viele Funde, doch bleiben beide weit hinter der Anzahl der Funde des Neuen Testaments zurück. Hinzu kommt, dass die Funde mit der frühesten Datierung immer noch ca. 250 Jahre Abstand zum Zeitpunkt der Verschriftlichung haben.

Hier könnte man versucht sein Homer und Vergil als recht zuverlässig einzustufen, doch das Kriterium des zeitlichen Abstands zwischen dem eigentlichen Geschehen und der Erstverschriftlichung rückt die Quellen in ein anderes Licht. Beide beschäftigen sich mit einem Zeitpunkt, der weit vor ihren eigenen Lebzeiten war. Homer erzählt die Entstehung der griechischen Kultur (ca. 400 Jahre vor Homer), Vergil die Entstehung der römischen Kultur (ca. 700 Jahre vor Vergil). Ihre Aussagen konnten damit nicht überprüft werden. Auch hier ist die Lage im Neuen Testament anders. Die ersten Verschriftlichungen sind nur wenige Jahre nach den Ereignissen um Jesus entstanden. Im 1. Korintherbrief wies Paulus daraufhin, dass einige Augenzeugen der Auferstehung noch leben und rief die Empfänger des Briefes damit auf seine Aussagen zu überprüfen.

Werden im Vergleich nur die zur Zeit des Neuen Testaments entstandenen Texte herangezogen (also 1. Jh. v. Chr. bis 2. Jh. n. Chr.), ist das Ergebnis noch eindrücklicher. Die Quellenlage keines anderen antiken Autors oder Werkes reicht an die Vielzahl der neutestamentlichen Funde und die Nähe zur Erstverschriftlichung heran.

Für Sallust ist die Quellenlage noch relativ gut - auch wenn es immer noch 150 Jahre mehr bis zur Erstverschriftlichung sind. Gegenüber dem Neuen Testament ist die Anzahl der Funde jedoch 91% geringer.

IV. Was ist das Besondere am Neuem Testament?

Der zeitliche Abstand vom eigentlichen Geschehen bis zur Erstverschriftlichung ist sehr gering (ca. 20-40 Jahre). Viele Augenzeugen lebten noch und die Aussagen der ersten Christen waren überprüfbar. Damit wären falsche Aussagen der frühen Kirche aufgefallen. Weiterhin öffnen die Briefe des Neuen Testaments einen Blick auf die Situation der Kirche. Beispielsweise wurde der 1. Thessalonicherbrief im Jahr 50 n. Chr. geschrieben und zeigt damit den Glauben der Kirche 20 Jahre nach der Auferstehung.
Der zeitliche Abstand zwischen den originalen Quellen und den ersten Funden ist ebenso sehr gering. Das älteste Fragment (p52) ist auf das Jahr 125 datiert und damit nur 40-60 Jahre älter als das Original. Damit ist die Wahrscheinlichkeit für Fehler oder Veränderungen sehr gering.
Die Anzahl der Quellenfunde für das Neue Testament ist sehr groß. Damit gibt es eine Vielzahl von Möglichkeiten die Funde miteinander zu vergleichen und den ursprünglichen Text wiederherzustellen. Vergleicht man die Quellen miteinander, fällt ebenso auf, dass es kaum Unterschiede zwischen ihnen gibt. Hinzu kommt, dass es neben den mehr als 5.500 griechischen Funden noch eine Vielzahl von aramäischen, armenischen, koptischen, äthiopischen und syrischen Quellen gibt. Die Funde mit aufgeschlüsselten Abweichungen sind im „Novum Testamentum Graece" zusammengefasst.

V. Grenzen der Statistik

Die Idee zu dieser Statistik stammt von Mark Barry. Durch diese kann ein grober Überblick gewonnen werden, wie das Vorkommen antiker Quellen im Verhältnis zueinander ist. Das Problem der Zählung ist, welche Quellen in die Statistik mit einbezogen werden. Denn:

  • Viele Quellen - besonders Papyri - liegen meist nur als Bruchstücke bzw. Fragmente vor und umfassen nicht das gesamte Werk.
  • Besonders bei den römischen Quellen weichen manche Ausgaben erheblich voneinander ab.
  • Ingesamt ist die Beurteilung von Quellen ein komplexer Prozess und kann hier nicht nachvollzogen werden. Es gibt auch Quellen, die nur in geringer Zahl und großem Abstand zum Geschehen vorliegen von Historikern dennoch als vertrauenswürdig eingeschätzt werden.
  • Historiker schätzen die Glaubwürdigkeit von Homer als sehr niedrig ein und ordnen ihn eher der Kategorie Mythos zu. Weder die Zeit des Krieges noch die Abfassung des Werkes können genau datiert werden.
  • Die Inhalte antiker Autoren müssen in die Quellenbeurteilung mit einbezogen werden. Livius möchte in seiner „Römischen Geschichte“ - 700 Jahre nach den ersten Ereignissen - es Homer gleich tun und einen Gründungsepos für Rom schaffen. Daher ist auch immer zu beurteilen, inwieweit die Autoren Historiker bzw. Poeten sind.

VI. Ergebnis

Im Vergleich zu anderen antiken Quellen ist das Neue Testament statistisch gesehen als äußerst glaubwürdig einzustufen. Würde Gegenteiliges behauptet werden, müsste die antike Geschichte aus den Lehrbüchern wegen Unglaubwürdigkeit entfernt werden, da die Anzahl der Quellen viel geringer ist. (Ähnliches gilt übrigens für die Zeit bis zum Hochmittelalter.)

Es ist daher nicht möglich, dass - wie viele Verschwörungstheoretiker behaupten - Kaiser Konstantin (272 - 337 n. Chr.) Stellen hinzugefügt oder weggelassen hat, um die eigene Macht zu legitimieren. Dafür wurde er zu spät geboren. Die Kaiser vor Konstantin bekämpften das Christentum und hätten daher kein Interesse daran gehabt. Ebenso hätte der Vatikan nichts davon Quellen verschlossen zu halten, da genügend andere Quellen zur Verfügung stehen, die öffentlich in Museen und Bibliotheken lagern. Das Neue Testament ist daher keine „Hirtenmythologie“, sondern eine historisch zuverlässige Quelle.

Nicht nur aus historischem Interesse macht es daher Sinn sich mit den Texten des Neuen Testaments zu beschäftigen. Wenn die Quellen über den Glauben der ersten Christen als glaubwürdig eingestuft werden können, ist es dann nicht auch sinnvoll sich mit den Inhalten auseinanderzusetzen?