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Hat die Wissenschaft Gott begraben? Anmerkungen zum neuen Atheismus

Dr. Jürgen Spieß

Hat die Wissenschaft Gott begraben? Anmerkungen zum „neuen Atheismus“

Was bedeutet das Wort „Atheismus“?

„Atheismus“ ist die latinisierte Fassung des griechischen Wortes „atheos“ (ohne Gott). Es wurde in der römischen Kaiserzeit zur Bezeichnung derjenigen Gruppen gebraucht, die sich an dem durch Alter legitimierten religiösen Kultus nicht beteiligten. Da auch die Christen keinen diesem Kultus entsprechenden Gottesdienst hielten, galten sie in der Meinung des 1. Jahrhunderts als „Atheisten“. In der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert kam dieser Begriff dann in Europa in Umlauf (Schütte: Atheismus [1971], Sp. 595).

Was versteht man unter dem „neuen Atheismus“?

Grundlage des „neuen Atheismus“ ist das Buch Der Gotteswahn des Evolutionsbiologen Richard Dawkins. Richard Dawkins war bis Ende 2008 Professor für „das öffentliche Verständnis von Wissenschaft“ in Oxford. Er wurde weltberühmt durch sein Buch Das egoistische Gen aus dem Jahre 1976. Die englische Ausgabe seines Buches Der Gotteswahn wurde bereits mehr als zwei Millionen Mal verkauft. Es wurde in über 30 Sprachen übersetzt. Die deutsche Ausgabe liegt seit September 2007 vor und gelangte in kurzer Zeit auf Platz zwei der Sachbuchliste. Ein anderer in Deutschland bekannter Vertreter des „neuen Atheismus“ ist der Literaturwissenschaftler Christopher Hitchens (Der Herr ist kein Hirte).

Was sind die wichtigsten Thesen des Buches von Richard Dawkins?

  1. Glaube und Wissenschaft sind Gegensätze: Glaube ist blind – Wissenschaft beruht auf Belegen.

  2. Unsere Welt sieht so aus, als sei sie gezielt gestaltet. Das ist aber eine Täuschung. Die Ursache unserer komplexen Welt ist natürliche Selektion. Die Gestalterhypothese würde zusätzlich die Frage aufwerfen: Wer gestaltete den Gestalter?

  3. Glaube an Gott ist irrationales Wunschdenken.

  4. Religion ist die Ursache für die Gewalt in dieser Welt – eine atheistische Welt wäre eine friedlichere Welt.

  5. Die Evangelien sind wie der Roman Sakrileg von Dan Brown eine literarische Erfindung.

Was sind die wichtigsten Argumente gegen diese Thesen?

Zu 1: Die Behauptung von Dawkins, Wissenschaft und Glaube an Gott schlössen sich aus, ist offensichtlich falsch: Es gab (und gibt) viele herausragende christliche Wissenschaftler. Dawkins selbst nennt einige: Kepler, Newton, Faraday, Polkinghorne, …. Wenn er sie aber zu Ausnahmen erklärt, weil sie nicht in seine Weltanschauung passen, macht er es sich zu einfach. Es gibt keinen Gegensatz von Glaube und Wissenschaft. Stattdessen gibt es Wissenschaftler, die an Gott glauben und solche, die nicht an ihn glauben. Die Welt, in der wir leben, kann man also theistisch oder atheistisch interpretieren. Was ist plausibler? Was glaubt der, der an Gott glaubt? Der Philosoph Robert Spaemann schreibt dazu: "Er glaubt an eine fundamentale Rationalität der Wirklichkeit. Er glaubt, dass das Gute fundamentaler ist als das Böse. Er glaubt, dass das Niedere vom Höheren verstanden werden muss und nicht umgekehrt. Er glaubt, dass Unsinn Sinn voraussetzt und dass Sinn nicht eine Variante der Sinnlosigkeit ist."

Was glaubt dagegen ein Atheist?

Ein Atheist oder philosophischer Naturalist vertritt die Ansicht, dass es nichts außerhalb der natürlichen, physikalischen Welt gibt: keine übernatürliche kreative Intelligenz, die hinter dem beobachtbaren Universum lauert, keine Seele, die den Körper überdauert, und keine Wunder außer in dem Sinne, dass es Naturphänomene gibt, die wir noch nicht verstehen. (Dawkins: Der Gotteswahn [2007], S. 25)

Ist dieser Satz Teil der physikalischen Welt? Ist er nicht vielmehr eine Aussage über die physikalische Welt? Wird diese Definition von Dawkins unseren Erfahrungen von Sinn und Schönheit, von Vertrauen, Liebe und Treue, von Verantwortung, Gewissen und Freiheit gerecht? Seine Aussage ist nach eigener Definition ja nur Teil der natürlichen, physikalischen Welt. Warum sollte sie wahr sein? Unser Verstand ist dann ja nur ein zufälliges Nebenprodukt der Evolution und unsere Gedanken sind ausschließlich das Ergebnis physikalischer Prozesse, nicht aber rationaler Einsichten. Wenn aber hinter unserer Welt eine fundamentale Rationalität (Vernunft) steht, dann ist es sinnvoll, unserem Verstand zu vertrauen und damit die Welt zu erforschen.

Zu 2: Entgegen der jüdisch-christlichen Vorstellung von Gott als Schöpfer dieser Welt kann sich Dawkins Gott nur als gestaltet, als geschaffen vorstellen – als eine materielle Wirklichkeit, die als Teil dieser Welt den Gesetzen der Evolution unterworfen ist. Er setzt sich daher gar nicht erst mit einer Gottesvorstellung auseinander, nach der Gott ungeschaffen, personal und ewig ist. Gott ist der Urgrund aller Dinge. Die wissenschaftliche, atheistische Weltanschauung hält die Welt und damit auch sich selbst für grundlos. Der Glaube an Gott ist der Glaube an einen Grund der Welt. Die Frage, ob es einen Gott gibt, will Dawkins rein wissenschaftlich entscheiden. Das wäre aber nur dann möglich, wenn Gott ein Gegenstand unserer materiellen Welt wäre und mit rein naturwissenschaftlichen Mitteln erkannt werden könnte. Für Dawkins hat sich alles „durch natürliche Selektion“ (in Anlehnung an Darwin) aus „einfachen Anfängen“ entwickelt. Doch woher kommen diese „einfachen Anfänge“? Durch Selektion wird ja nichts Neues geschaffen, sondern nur bereits Bestehendes weiterentwickelt. Es geht ja nicht um die Frage „survival of the fittest“, sondern um „arrival of the fittest“. Und selbst wenn wir wüssten, woher die „einfachen Anfänge“ kommen, wäre dies kein Argument gegen die Existenz Gottes. „Gott“ und „natürliche Selektion“ bzw. „Gott“ und „Evolution“ liegen nicht auf der gleichen Erklärungsebene. Die Entdeckung eines Mechanismus bedeutet nicht, dass es keinen Mechaniker gibt. Welcher Glaube (auch der Atheismus ist ja ein Glaube) ist glaubwürdiger: Stand am Anfang irrationale Materie, aus der sich – nicht zielgerichtet – sonderbarerweise ein Wesen mit Bewusstsein seiner selbst und ein mathematisch geordneter Kosmos entwickelte oder stand am Anfang ein personaler schöpferischer Geist, der beides schuf? Welche dieser beiden Weltanschauungen erklärt plausibler das, was wir tagtäglich an Sinn, Liebe, Schönheit – und auch an wissenschaftlicher Erkenntnis – erfahren? John Lennox, Mathematiker der Universität von Oxford, schreibt dazu:

"Entweder verdankt die menschliche Intelligenz ihre Entstehung letztlich geist- und zweckloser Materie, oder es gibt einen Schöpfer. Es ist seltsam, dass einige Menschen behaupten, ihre Intelligenz führe sie dahin, die erste der zweiten Möglichkeit vorzuziehen."

Darüber hinaus gilt, was Robert Spaemann so ausdrückt: „Eine plötzliche grundlose Entstehung einer Welt aus nichts denken zu müssen, enthält eine Zumutung an die Vernunft, die alle anderen Zumutungen in den Schatten stellt.“

Zu 3: Die berühmte These des Philosophen Ludwig Feuerbach, Glaube sei Wunschdenken, geht von der Voraussetzung aus, dass es keinen Gott gibt und versucht dann die Frage zu beantworten: Warum glauben so viele Menschen an einen nicht existierenden Gott? Antwort: Wunschdenken. Wenn man stattdessen von der Voraussetzung ausgeht, es gibt einen Gott, kann man fragen, warum seit über 200 Jahren in Westeuropa immer mehr Menschen glauben, es gäbe keinen Gott. Antwort: Wunschdenken. Entgegen der These, der Glaube an Gott sei Wunschdenken, ist es mindestens genauso plausibel, davon auszugehen, dass der Atheismus seinen Ursprung im Wunschdenken hat – dem Wunsch nach moralischer Autonomie – oder wie es Manfred Lütz in seinem Buch Gott – eine kleine Geschichte des Größten ausdrückt: der Wunsch nach der „sturmfreien Bude“.

Zu 4: Glaube an Gott ist für Dawkins die Ursache der Gewalt in unserer Welt. Ohne Religion gäbe es „keine Selbstmordattentäter, keinen 11. September, … keine Kreuzzüge …“ (S. 12) „Dass ein Krieg im Namen des Atheismus geführt würde, kann ich mir nicht vorstellen. Was sollte der Grund sein?“ (S. 387) Es ist beschämend, dass auch das Christentum – trotz des Gebotes von Jesus „liebet eure Feinde“ – immer wieder zu Kriegen und Verfolgungen geführt hat.

Im 20. Jahrhundert waren es aber gerade atheistische und wissenschaftsgläubige (!) Staatssysteme, die unvorstellbare Grausamkeiten und millionenfache Morde begangen haben. Die Behauptung von Dawkins, eine atheistische Welt wäre eine friedlichere Welt, ist durch diese Erfahrungen gründlich widerlegt.

Zu 5: Der christliche Glaube ist nicht blind, sondern beruht auf historischen Belegen und persönlichen Erfahrungen. Im Zentrum des christlichen Glaubens steht Jesus von Nazareth – sein Leben, seine Kreuzigung und seine Auferstehung. Darüber berichten vor allem die Evangelien im Neuen Testament. Während es sich beim Roman Sakrileg in der Tat um eine literarische Erfindung handelt – was ja Gegenstand zahlreicher Presseberichte im Zusammenhang mit der Verfilmung dieses Buches war – handelt es sich bei den Evangelien um historische Berichte, die wenige Jahre nach den Ereignissen von Augenzeugen verfasst wurden oder auf Augenzeugenberichte zurückgehen.