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Männer, Frauen und …? Geschlechtertheorien im Widerstreit

Prof. Dr. Christoph Raedel

„Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“ – Diese Frage hat vor einigen Jahren Richard David Precht gestellt und versucht, sie in seinem Buch mit einem Spaziergang durch die Grundfragen der Philosophie zu beantworten. Dieselbe Frage drängt sich dem auf, der tiefer in die gegenwärtig vertretenen Geschlechtertheorien eintaucht. Im Dschungel der unterschiedlichen, teilweise sogar widersprüchlichen Theorien weiß der Leser am Ende kaum noch, ob er Mann oder Frau ist. Ja, gibt es diese Geschlechterklassen überhaupt?

Ein Auszug aus dem Buch Gender von Prof. Dr. Christoph Raedel


Wir haben gesehen, dass sich Menschen seit Jahrhunderten darüber Gedanken machen, was das eigentlich ist: männlich oder weiblich. Und sie grübeln darüber, wie die Geschlechter zueinander passen, sich also zueinander verhalten. Die Einsichten, zu denen Wissenschaftler dabei gekommen sind, könnten unterschiedlicher nicht sein: Für einige scheint klar zu sein, dass es (gottgegebene oder naturgegebene) Wesensunterschiede zwischen Männern und Frauen gibt, die als solche zur Kenntnis zu nehmen sind. Am
anderen Ende des Spektrums begegnet uns die Auffassung, dass von männlich oder weiblich als Geschlechtsklassen überhaupt nicht gesprochen werden könne. Nicht nach Männern und Frauen sei zu unterscheiden, sondern nach Individuen, da jedes seine Geschlechtsidentität auf so radikal einzigartige Weise inszeniere, dass sich Zuordnungen verböten.

Im Kern geht es um die Frage: Ist dem Menschen sein geschlechtsspezifisches Handeln biologisch eingeschrieben – oder ist es kulturell zugeschrieben bzw. wird durch Wiederholungen fortgeschrieben? Die Antwort auf diese Frage ist nicht allein von akademischem Interesse, sondern birgt gesellschaftspolitische Brisanz (wie wir noch sehen werden). So sind auch Christen gefordert, auf Grundlage ihres Glaubens tragfähige Antworten zu finden – ohne dabei auszublenden, dass sie bereits ein vorgeprägtes Selbstverständnis als Mann oder Frau, Junge oder Mädchen mitbringen.

So viel steht fest: Hinter dem, was politisch mit „Gender“ in Zusammenhang gebracht wird, steht kein in sich schlüssiges Verständnis, keine klare Definition von „Gender“, sondern ein Geflecht von Überzeugungen und Ansichten zur geschlechtlichen Natur des Menschen, die sich nicht spannungsfrei miteinander verbinden lassen. In der wissenschaftlichen Literatur werden diese Differenzen nicht verschwiegen, sondern teils sachlich, teils leidenschaftlich diskutiert.

Doch in der öffentlichen Debatte sind diese Dissonanzen kaum vernehmbar. Im Gegenteil; ohne spürbaren Widerspruch aus dem feministischen Milieu werden im Kern widersprüchliche Forderungen durchgesetzt: Auf der einen Seite werden Frauenquoten für die Leitungsetagen von Unternehmen vorgeschrieben, während auf der anderen Seite Bildungspläne verabschiedet werden, denen zufolge es nicht nur männlich und weiblich gibt, sondern unzählige Geschlechter. Facebook listet alleine ca. sechzig solcher Geschlechter auf1 – doch die Frauenquote setzt die Unterscheidung in männlich/weiblich wie selbstverständlich voraus und gesteht es einzig dem Geschlecht Frauen zu, Ansprüche mittels einer Quote durchzusetzen.2

Dieser Bruch in der Logik lässt sich gelegentlich auch auf ein und derselben Internetseite beobachten. So wird die Überzeugung, dass es eine schier unbegrenzte Vielfalt an menschlichen Geschlechtern gebe, in der stetig wachsenden Zahl der universitären Institute für „Gender-Studies“ vertreten. Umso irritierender sind dann Stellenausschreibungen für Professuren auf den Internetseiten dieser Institute, die ihre eigene These unterlaufen, dass Geschlecht keine biologische Kategorie sei, sondern eine gesellschaftlich konstruierte:

Die Universität strebt eine Erhöhung des Frauenanteils beim wissenschaftlichen, künstlerischen und allgemeinen Universitätspersonal insbesondere in Leitungsfunktionen an und fordert deshalb qualifizierte Frauen ausdrücklich zur Bewerbung auf.3

Die für Bewerber spannende Frage ist, wie der Ausdruck „Frauen“ hier zu verstehen ist. Geht es um eine biologische Kategorie, ließe sich eine Bewerberin bereits mit einem Blick in die Bewerbungsunterlagen von einem männlichen Bewerber unterscheiden. Doch wenn Geschlecht eigentlich nichts mit Biologie zu tun haben soll, wäre diese Anwendung unsinnig und zudem diskriminierend, weil sie Menschen nach Name und Aussehen beurteilt. Sollte „Frauen“ hier jedoch eine selbst gewählte Geschlechtsidentität meinen, dann eröffnet dies Personenkreisen Aussichten auf die Stelle, die biologisch nicht weiblich sind. Dies aber würde das Verfahren undurchschaubar und damit in letzter Konsequenz ungerechter werden lassen, weil es ganz auf die Selbstdefinition der sich bewerbenden Person abhebt – unter dem Vorzeichen von mehr Geschlechtergerechtigkeit sicherlich keine gute Werbung für die Hochschule.

Wie kann es angesichts derart eklatanter Widersprüche in den Geschlechtertheorien eigentlich sein, dass Geschlechterpolitik ein solch zentrales Feld gesellschaftlicher Debatten geworden ist und dass Gender-Mainstreaming als politische Querschnittsaufgabe durchgesetzt werden konnte? Meiner Meinung nach liegt die Wirkmacht der Geschlechterpolitik darin begründet, dass die feministischen Gendertheoretiker ihre theoretischen Differenzen zugunsten einer gemeinsamen Gender-Agenda zurückstellen. Das gemeinsame Ziel ist ihnen wichtiger als das Durchsetzen der eigenen „reinen Lehre“ von Gender bzw. Geschlecht. Doch worin genau besteht diese Gender-Agenda und worin das gemeinsame Ziel?


  1. Z.B. „androgyn“, „gender variabel“, „geschlechtslos“, „trans*“, „Zwitter“ oder „Transvestit“, „Cross-Gender“. Die meisten dieser Ausdrücke erscheinen in mehreren Varianten; daher die hohe Anzahl. 

  2. D. Siems, „Quoten für alle!“, urteilt dann auch: „Wer positive Diskriminierung, wie sie das Gesetz [zur Frauenquote] verlangt, als Instrument der Benachteiligung auf dem Arbeitsmarkt einführt, wird kaum umhinkommen, weiteren Gruppen Sonderregeln zu gewähren“. 

  3. Ich entnehme den Satz in diesem Fall einer Ausschreibung der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien von 2013. Im Internet finden sich zahlreiche weitere Belege für solche Formulierungen in Stellenausschreibungen für Gender-Studies.


    1. Männer, Frauen und …? Geschlechtertheorien im Widerstreit
    2. Frauenwelten - Der lange Weg zur Gleichberechtigung
    3. „Frauenen sind anders, Männer auch“ - Der Differenzfeminismus
    4. „Zur Frau wird man gemacht“ - Der Gleichheitsfeminismus
    5. „Heteronormativität überwinden“ - Die Dekonstruktion von Geschlecht
    6. „Verschieden denken, gemeinsam siegen“ - Von der Theorievielfalt zur Gender-Agenda