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Männer, Frauen und …? Geschlechtertheorien im Widerstreit

Prof. Dr. Christoph Raedel

„Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“ – Diese Frage hat vor einigen Jahren Richard David Precht gestellt und versucht, sie in seinem Buch mit einem Spaziergang durch die Grundfragen der Philosophie zu beantworten. Dieselbe Frage drängt sich dem auf, der tiefer in die gegenwärtig vertretenen Geschlechtertheorien eintaucht. Im Dschungel der unterschiedlichen, teilweise sogar widersprüchlichen Theorien weiß der Leser am Ende kaum noch, ob er Mann oder Frau ist. Ja, gibt es diese Geschlechterklassen überhaupt?

Ein Auszug aus dem Buch Gender von Prof. Dr. Christoph Raedel


Gleichheits- wie Differenzfeminismus gehen letztlich von einem Zwei-Geschlechter-Modell aus, nach dem sich die Welt anhand der Unterscheidung von „männlich“ und „weiblich“ ordnen lässt. Ob diese Unterschiede nun angeboren sind oder nicht, sie prägen das tägliche Erleben von Menschen und sind damit zumindest als Beschreibungskategorien brauchbar. Wie wir gesehen haben, bewertet der Differenzfeminismus die wahrnehmbare Andersartigkeit der Frauen positiv, während der Gleichheitsfeminismus die Unterschiede entlang der Achse von Macht und Ohnmacht und damit als zu überwindende Hindernisse für die angestrebte Egalität deutet.

Mit dem Ansatz des Gender-Konstruktivismus treten wir in die Phase der Spät- oder Postmoderne ein. Was unter dieser Epoche genau zu verstehen ist, darüber wird anhaltend gestritten. Doch so viel ist deutlich: Postmoderne Ansätze stellen die an einer „großen Erzählung“ gewonnenen Ordnungsmuster (z.B. die Ordnung der heterosexuellen Zweigeschlechtlichkeit) radikal infrage. Genauer: Sie bestreiten nicht, dass es diese Ordnungsmuster tatsächlich gibt, wohl aber, dass sie eine objektive Realität abbilden. Vielmehr gelten sie als durch soziale, kulturelle Prozesse in der Gesellschaft konstruiert. Deshalb müsse die Vorstellung, dass diese Ordnung naturgegeben sei, dekonstruiert, also als soziale Konstruktion entlarvt werden.

Der von Simone de Beauvoir vorbereitete Denkansatz zur Unterscheidung zwischen sex (biologisches Geschlecht) und gender (soziales Geschlecht) ist von der Philosophin und Sprachwissenschaftlerin Judith Butler (geb. 1956) seit den 1990er-Jahren radikalisiert worden. Für Butler ist nicht erst die Geschlechteridentität (gender) Resultat sozialer Konstruktionen, sondern bereits der Geschlechtskörper (sex). Das bedeutet, dass unsere Sprache nicht eine ihr zugrunde liegende Wirklichkeit beschreibt, sondern diese Wirklichkeit erst erschafft.

Ein kleines Beispiel dafür genügt: Für Butler und andere Postfeministinnen lässt sich die Geschlechtsidentität eines Menschen nicht dadurch bestimmen, dass die Hebamme nach der Geburt einen Blick auf die Genitalien des Babys wirft. Sie sagt vielleicht: „Es ist ein Mädchen“ und die Eltern geben dem Kind einen Mädchennamen. Von nun an wird das Kind als Mädchen wahrgenommen – aber wer oder was hat sie dazu gemacht? Nicht das Geschlechtsteil selbst, sondern die gesellschaftlich dominierende Vorstellung, dass sich allein über dessen Zuordnung nach dem Muster männlich/weiblich die Identität der ganzen Person bestimmen lasse: „So sieht ein Mädchen/ein Junge aus“. Demnach liegt es also an unserer Sprache und an der Gewöhnung, die mit der Anrede mit dem Vornamen einhergeht, dass man sich selbst als Mädchen oder Junge versteht und später als Frau oder Mann.

Man muss hier sehr genau hinhören: Butler bestreitet nicht, dass sich männliche von weiblichen Genitalien unterscheiden lassen. Worum es ihr geht, ist etwas anderes: Wir haben als Wesen, die sich mit dem Medium der Sprache untereinander verständigen, keinen unverstellten, direkten Zugang zum menschlichen „Geschlechtskörper“, sondern dieser Zugang ist immer schon symbolisch aufgeladen; er folgt also Ordnungsmustern, die von der Gesellschaft konstruiert werden. Butler hebt damit auf den Zusammenhang zwischen Sprache und Geschichte ab. Natürlich ist die Sprache das Medium des Geistes, mit dem wir die uns umgebende Welt ordnen. Und so wie die Geschichte voranschreitet, so wandeln sich auch Sprache und Sprachgebrauch.

Man denke nur wenige Jahrhunderte zurück. Damals war mit der Geburt nicht nur das Geschlecht des Babys bestimmt, sondern auch die Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht. Ein Kind des Hochadels hatte das sprichwörtliche „blaue Blut“; entsprechend wuchs es auf und verhielt sich. Diese Ordnung der Gesellschaft galt als gottgegeben und unveränderlich. Aus heutiger Sicht erscheint uns diese Vorstellung als in hohem Maße gesellschaftlich konstruiert – nicht zuletzt durch tatkräftige Unterstützung einiger Mitglieder des europäischen Hochadels selbst, die im 20. Jahrhundert medienwirksam manche Konventionen des eigenen Standes zu dekonstruieren begannen.

Sprache beschreibt also nicht einfach, sie erzeugt eine bestimmte Wahrnehmung der Wirklichkeit. Doch Butler radikalisiert diese Feststellung: Während für „realistische“ Philosophen Sprache und Wirklichkeit in Wechselwirkung zueinander stehen, die Wirklichkeit also unsere Wahrnehmung und Beschreibung zu korrigieren vermag,1 fällt bei Butler die Wirklichkeit als „objektive“ Größe weg, die unsere Wahrnehmung korrigieren könnte. In Bezug auf das Geschlecht bedeutet dies: Auch der Geschlechtskörper ist für Butler keine körperbauliche Gegebenheit, die man mit verobjektivierender Sprache („so und so ist es“) erfassen könnte. Vielmehr
erzeuge unsere Sprache die Illusion einer wesensmäßigen und un­veränderlichen Geschlechterstruktur entlang den Kategorien von männlich/weiblich. Wahrheit und Wirklichkeit ließen sich nicht in einem wesenhaften Sein erfassen, sondern nur in einer bestimmten Praxis, dem „doing gender“.2

Welche Ordnungskategorien, welche symbolischen Konstrukte bestimmen nun aber weithin unsere Wahrnehmung? Nach Butler wird unsere Wahrnehmung von einer heteronormativen, zweipoligen Geschlechterordnung dominiert – und von ihr getäuscht. Denn diese zweipolige (sich an „männlich/weiblich“ orientierende) Geschlechterordnung ist nach Butler eben lediglich eine Illusion – wenn auch eine sehr verfestigte, weil wir sie durch Sprache verinnerlicht haben. Das beginnt beim Geschlechtereintrag im Personenstandsregister, führt über die Standardanrede „Meine sehr verehrten Damen und Herren“ und endet mit den Herren- und Damentoiletten.

Butlers Anliegen ist es, die Matrix dieser Geschlechterordnung als Illusion zu entlarven und zu dekonstruieren – also zu zerstören. Wie kann das gehen? Da wir uns der Vorherrschaft der Sprachkategorien „er“ und „sie“ nicht einfach entledigen können, müssen wir sie erkenntniskritisch diskutieren, um so den Umsturz zu bewirken, der die gewünschte Veränderung einleitet. Eine Variante wäre, ironisch die Bedeutungen der Begriffe „Mann“ und „Frau“ zu unterlaufen.

Inbegriff eines solchen subversiven Umgangs mit den vermeintlichen Geschlechternormen ist für Butler der Kunstgriff der Travestie. Der Begriff bezeichnet in der Bühnenkunst die Imitation des anderen Geschlechts durch den (männlichen) Schauspieler, der durch Stimme, Körpersprache und Kostüm vorgibt, eine Frau zu sein, aber so, dass die Imitation sichtbar wird. In der „parodistischen Kopie entpuppt sich das Original, die herkömmliche Geschlechtlichkeit, immer schon als Inszenierung“.3 Travestie ist quasi die Kopie einer Kopie; die Umformung zeigt, dass das Geschlecht nicht fix, sondern formbar, ja beliebig interpretierbar ist.

Für Butler ist der Sprachakt schon immer Travestie und damit ein Instrument der Selbstentlarvung. Darauf gilt es, das Augenmerk zu richten. Der Vollzug der Travestie wird damit zum Katalysator für die Auflösung der Geschlechterstruktur: Wenn sich die zweiteilige Geschlechternorm auflöst, wird die unbegrenzte Vielzahl der Geschlechter sichtbar. Geschlechteridentitäten könnten nun beliebig vervielfältigt werden und die „Zwangsheterosexualität“4 wäre zugleich ihrer Protagonisten Mann und Frau beraubt.5

Zentral für den Prozess der „Vervielfältigung der Geschlechter“ ist die Inszenierung von Beziehungsformen jenseits der heterosexuellen Norm, die als diskursiver Zwang „entlarvt“ wird, der von der Mehrheit unhinterfragt verinnerlicht worden ist. Der „Zwang“ besteht nach Butler darin, sich im Sinne der einen Identität entweder als heterosexueller Mann oder als heterosexuelle Frau verstehen zu müssen. Unter „Vervielfältigung der Geschlechter“ versteht Butler nicht das Verschwinden der Geschlechter, sondern die Auflösung normativer Vorstellungen wie etwa der, dass es so etwas wie „natürliche Ordnungen“ gäbe. Ziel ist eine Gesellschaft, in der niemand mehr „gezwungen“ ist, eine Geschlechtsidentität in Übereinstimmung mit dem „realen“ geschlechtlichen Körper auszubilden.6

Kurz gesagt: Genitalien sind bedeutungslos dafür, wie ich mich verstehe (und inszeniere); die Fantasie schiebt sich erkenntniskritisch vor die Faktizität, wir haben es hier auf eine bestimmte Weise also mit einer postfaktischen Position zu tun. Denn die behauptete und inszenierte Geschlechtsidentität (gender) ist hier radikal losgelöst vom anatomischen Geschlecht (sex) zu denken. Somit wird auch die von de Beauvoir zugrunde gelegte Unterscheidung zwischen Geschlechtskörper und Geschlechter-identität hinfällig: Geschlecht ist nur noch als Inszenierung real.

In den Vereinigten Staaten gilt Butler mit ihren Thesen als eine der führenden Protagonistinnen der „queer-Bewegung.7 In Deutschland hat die Schule der radikalen Gender-Dekonstruktion zwar keine breite Basis, doch sie hat sich mittlerweile in den kultur- und sozialwissenschaftlichen Instituten der Universitäten fest etabliert. Von dort aus ist es ihren Lobbygruppen gelungen, tief in den politischen und Verwaltungsapparat hineinzuwirken. In den später zu diskutierenden Bildungsplänen der Länder zur Sexualerziehung etwa hat sich das radikal-konstruktivistische Verständnis von Geschlechtervielfalt weithin durchgesetzt. Auch die Forderung, nicht mehr „MitarbeiterInnen“ zu schreiben (eine im Gleichheitsfeminismus beliebte Schreibweise), sondern durch Unterstrich („Mitarbeiter_innen“) oder ähnliche Varianten anzuzeigen, dass es zwischen männlich und weiblich noch unzählige weitere Geschlechtsidentitäten gibt, kommt aus dieser Richtung. Intellektuelle Keimzellen dieser Programme sind die mehr als 200 Lehrstühle in Gender Studies, die Forschung mit politischem, gesellschaftstransformatorischem Anspruch betreiben. Ihr Ziel ist eine neue Gesellschaft, in der das Unkraut der zweiteiligen Geschlechterordnung an der Wurzel ausgerissen wurde.8 Wir werden darauf zurückkommen.

Butlers radikaler Ansatz ist allerdings auch innerhalb des Feminismus umstritten. So hält Alice Schwarzer ihr Konzept zwar für „philosophisch nicht uninteressant“, aber fern der lebenslangen alltäglichen Realität, als Mann oder Frau zu leben.9 Auch andere Autoren halten ihr weitgehenden Realitätsverlust vor und mahnen den hohen Preis an, den sie zahlt, um die These von der sexuellen Vielfalt etablieren zu können. Denn für die Abspaltung der kulturell beschriebenen Geschlechtsidentität vom anatomischen Geschlecht lässt sie genau das verschwinden, was vielen Feministinnen wichtig ist – den weiblichen Körper, genauer gesagt: den vom Patriarchat geschundenen, leidenden, unfreien Körper.

Kritiker sehen sie darum in der Tradition „leibfeindlicher feministischer Theorien“.10 Sie befürchten, dass Butlers Ausblendung der „Körperlichkeit“ den Aktionsgruppen, die sich dem Schutz von Leib und Leben unterdrückter und gequälter Frauen verschrieben haben, mit einem sprachphilosophischen Kunstgriff den Boden entzieht. Dies weist Butler, die sich politisch für unterdrückte Frauen einsetzt, weit von sich.11 Sie bestreite ja nicht, dass es einen Körper gibt, der isst, trinkt, schläft, schmerzt und stirbt. Aber wie dieser Körper wahrgenommen, interpretiert und folglich behandelt werde, das sei durch den gesellschaftlichen Diskurs bestimmt, der Ausdruck von Machtverhältnissen sei, in denen die heterosexuelle Zweigeschlechtlichkeit zu Unrecht privilegiert werde.

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  1. Männer, Frauen und …? Geschlechtertheorien im Widerstreit
  2. Frauenwelten - Der lange Weg zur Gleichberechtigung
  3. „Frauenen sind anders, Männer auch“ - Der Differenzfeminismus
  4. „Zur Frau wird man gemacht“ - Der Gleichheitsfeminismus
  5. „Heteronormativität überwinden“ - Die Dekonstruktion von Geschlecht
  6. „Verschieden denken, gemeinsam siegen“ - Von der Theorievielfalt zur Gender-Agenda


  1. Ein Beispiel kann dies verdeutlichen: Zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Kulturen ist auf unterschiedliche Weise beschrieben worden, was unter den menschlichen Lebensaltern zu verstehen ist. Allerdings ist es bei allen Differenzen nicht möglich, den Zeitstrahl der Lebensalter (von der Kindheit zum Senior) umzukehren. 

  2. J. Butler hat ihre Auffassungen in einer schwer verständlichen Diktion vorgelegt. Was ich gerade beschrieben habe, klingt bei ihr so: „Als sowohl diskursive wie perzeptuelle Kategorie steht der Begriff `Geschlecht´ für […] eine Sprache, die die Wahrnehmung formt, indem sie das Beziehungsgeflecht prägt, durch das die physikalischen Körper wahrgenommen werden“ (Das Unbehagen der Geschlechter, S. 170). 

  3. A. Maihofer, Geschlecht als Existenzweise, S. 43. 

  4. Der Begriff wird auf Adrienne Rich zurückgeführt, vgl. P.-‍I. Villa, Judith Butler, S. 69, Fußnote 24. 

  5. Bei J. Butler heißt es wörtlich: „Ein Verlust der Geschlechternormen hätte den
    Effekt, die Geschlechterkonfigurationen zu vervielfältigen, die substantivische Identität zu destabilisieren und die naturalisierten Erzählungen der Zwangsheterosexualität ihrer zentralen Protagonisten: Mann´ undFrau´ zu berauben.“ (Das Un­behagen der Geschlechter, S. 215.) 

  6. A. Maihofer schreibt, „dass Geschlechter stets Inszenierungen sind sowie der Vorschein auf eine Gesellschaft ohne den gegenwärtigen Zwang, eine Geschlechtsidentität, und zwar ein für allemal und in Übereinstimmung mit dem `realen´ geschlechtlichen Körper, ausbilden zu müssen“ (Geschlecht als Existenzweise, S. 45). 

  7. „Queer“ meint hier so viel wie „stören“ bzw. „in die Quere“ kommen und bezeichnet das Anliegen der Bewegung, die von der Mehrheitsgesellschaft verinnerlichte und daher nicht mehr reflektierte Orientierung am Zwei-Geschlechter-Modell infrage zu stellen und das dieser Orientierung entsprechende Verhalten zu verunsichern. 

  8. Bei N. Degele heißt es wörtlich: „Das transformatorische Potenzial des dekonstruktivistischen Ansatzes besteht darin, nicht mehr länger das binäre Unkraut beim Wachsen zu beobachten und die unterschiedlichen Entwicklungsstadien zu dokumentieren, sondern es von der Wurzel ausgehend zu jäten“, Gender/Queer Studies, S. 217. 

  9. A. Schwarzer, Die Antwort, S. 27. 

  10. S. Vaaßen, Das Ende von Mann und Frau?. 

  11. Vgl. J. Butler, Körper von Gewicht