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Männer, Frauen und …? Geschlechtertheorien im Widerstreit

Prof. Dr. Christoph Raedel

„Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“ – Diese Frage hat vor einigen Jahren Richard David Precht gestellt und versucht, sie in seinem Buch mit einem Spaziergang durch die Grundfragen der Philosophie zu beantworten. Dieselbe Frage drängt sich dem auf, der tiefer in die gegenwärtig vertretenen Geschlechtertheorien eintaucht. Im Dschungel der unterschiedlichen, teilweise sogar widersprüchlichen Theorien weiß der Leser am Ende kaum noch, ob er Mann oder Frau ist. Ja, gibt es diese Geschlechterklassen überhaupt?

Ein Auszug aus dem Buch Gender von Prof. Dr. Christoph Raedel


Für Frauenrechte einzutreten bedeutete für einige Verfechterinnen der Frauenemanzipation im 19. Jahrhundert, dafür einzutreten, dass Frauen als Frauen leben dürfen. Im Zuge der Industrialisierung und Modernisierung der Gesellschaft schloss dies zunächst einmal ganz elementare Ansprüche auf Berücksichtigung spezifisch weiblicher Bedürfnisse ein wie z.B. den Zugang zu medizinischer Betreuung durch die zu Beginn des 19. Jahrhunderts sich ausbildende Gynäkologie. Dem ganzen Bereich der Frauenheilkunde lag und liegt wie selbstverständlich die Wahrnehmung für die Differenz zwischen männlicher und weiblicher Anatomie zugrunde. Diese Differenzwahrnehmung war eine entscheidende Voraussetzung dafür, dass die für die Frau von Schwangerschaft und Geburt ausgehenden Risiken sich verringerten und in der Folge die weibliche Lebenserwartung steigen konnte.

Über diese medizinische Wahrnehmung hinaus wurde unter dem Einfluss der Romantik auch grundsätzlicher vom „weiblichen Wesen“ gesprochen. Dieser Vorstellung lag eine Rückbesinnung auf weiblich konnotierte Werte und die Eigenschaften sowie Differenzen zwischen dem seelischen Erleben von Frauen und Männern zugrunde, daher auch die heutige Bezeichnung „Differenzfeminismus“.[^9] Seine Vertreterinnen hielten es nicht für erstrebenswert, sich bei der Frauenemanzipation an den vorherrschenden männlichen Verhaltensmustern zu orientieren. Vielmehr galt die Anerkennung spezifisch weiblicher Eigenschaften zumindest für die „bürgerliche Frau gegenüber anderen Frauen [als] ein nicht zu unterschätzender Machtgewinn“.1 Mochten Männer sich für das Maß des Mensch­­seins schlecht­hin halten, alleine waren sie unfruchtbar. Die Erhaltung der mensch­lichen Gattung war nur dadurch möglich, dass Frauen in der Fürsorge für das Kind ihre Bestimmung und ihre Besonderheit annahmen und so dem Leben der Familie sowie der Gesellschaft Zukunft gaben. Das bedeutete jedoch nicht, sich unter die vorherrschende, patriarchal verfasste Familien- und Gesellschaftsordnung zu beugen. Stattdessen galt und gilt die moderne, von Männern regierte Welt von einem Konstruktionsfehler bestimmt, der die Gesellschaft von innen heraus zersetzt und von den Frauen überwunden werden soll.

Als dieser Konstruktionsfehler wird der menschliche Egoismus identifiziert, genauer noch: die Erhebung des Egoismus zum Grundprinzip der wirtschaftlichen Tauschbeziehungen in der modernen Gesellschaft.2 Der moderne Mensch wird zum homo oeconomicus, der sich in jeder Hinsicht von der Logik des kapitalistischen Marktes bestimmen lässt. Leistung zählt – und Leistung hat ihren Preis, die sich in der Anhäufung von (beweglichen und unbeweglichen) Gütern zeigt. Wer etwas leistet, der zeigt auch, was er sich dafür leisten kann. So wird der Kapitalismus in seinen Grundzügen gesehen.

Doch der Differenzfeminismus hält dieses System nicht für alternativlos. So wird in der Matriarchatsforschung davon ausgegangen, dass die ursprüngliche Form des menschlichen Zusammenlebens nicht das Patriarchat war, also die Herrschaft des Mannes über seinen Haushalt, sondern das Matriarchat.3 Damit wird eine Gesellschaftsformation bezeichnet, in der nicht egoistisches Handeln, sondern das „pro-soziale“ Verhalten der Mutter die gesellschaftlichen Beziehungsmuster prägt. Als vorzugswürdig gilt einer solchen Gesellschaft nicht das Anhäufen von Gut und Geld, nicht das Sich-Nehmen, sondern das Geben. Urform des Gebens ist die Weitergabe des Lebens. Die Fähigkeit, Leben geben zu können, ist Vorrecht der Frau, weshalb Mutterschaft und die ihr eigene Haltung der Fürsorglichkeit besonders geehrt werden. Auch die politische Entscheidungsfindung in der matriarchalen Gesellschaft ist nicht an einem Machtgefälle ausgerichtet, also an bestimmten Hierarchien, wie sie für Männergesellschaften charakteristisch sind, sondern erfolgt in einem an der Basis ansetzenden Prozess der Konsensfindung, bei dem sich Frauen und Männer zunächst in getrennten Beratungen ein Urteil bilden. Durch solche anfänglich getrennten Entscheidungen „geht niemals der Unterschied zwischen der Perspektive der Frauen und derjenigen der Männer verloren“.4 Balance und Gleichheit der Geschlechter werden nach diesem Verständnis nur dann gewahrt, wenn deren fundamentale Unterschiedlichkeit anerkannt und im gesellschaftlichen Leben zur Geltung gebracht wird.

So steht der Differenzfeminismus im Kern für einen Gegenentwurf zur kapitalistisch funktionierenden Gesellschaft: Der Logik von der Herrschaft des Stärkeren über den Schwächeren wird die Rücksichtnahme auf die Schwachen und auf Unterstützung Angewiesenen entgegengesetzt, der Ökonomie des Nehmens die Kultur des Schenkens und Teilens, der Praxis der Manipulation weiblicher Interessen die wertschätzende Berücksichtigung der unterschiedlichen Interessen von Frauen und Männern.

Für das Verständnis des heutigen Differenzfeminismus ist es wichtig zu erkennen, dass es seinen Vertreterinnen nicht um die Behauptung einer „weiblichen Natur“ geht, also um die Vorstellung, dass nur Frauen fürsorglich und empathisch agieren könnten (eine Auffassung, die heute meist als „essenzialistisch“5 zurückgewiesen wird). Vertreten wird vielmehr, dass es faktisch zumeist Frauen sind, die in der modernen Gesellschaft pflegerische, erzieherische und fürsorgliche Leistungen erbringen – die ein niedriges Ansehen haben und weithin schlecht oder gar nicht bezahlt werden. Weiterhin wird argumentiert, dass Leistungen der Fürsorge (im Englischen gibt es dafür das weit gefasste Wort „mothering“) eine deutlich höhere Wertschätzung verdienen, weil keine Gesellschaft auf sie verzichten kann.6 Der Differenzfeminismus behauptet somit nicht, dass Frauen von Natur aus dazu bestimmt sind, Mütter zu sein, sondern tritt prinzipiell dafür ein, dass das faktisch weithin von Frauen praktizierte Ethos der Mitmenschlichkeit und Fürsorge in der Gesellschaft höhere Anerkennung erfährt.7

Die Wertschätzung mütterlicher bzw. weiblicher Eigenschaften sollte also nicht mit der christlichen Hochschätzung der natürlichen Ehe und Familie verwechselt werden. Denn Fürsorglichkeit wird im heutigen Differenzfeminismus als Muster von zwischenmenschlichen Beziehungen überhaupt interpretiert, womit häufig eine Skepsis gegenüber der tradierten Formalisierung bestimmter Beziehungen (wie z.B. einer Partnerschaft als Ehebund) einhergeht. Auch sexuelle Beziehungen sollen vor allem liebevoll sein, sie müssen nicht notwendig monogam gelebt werden.

Dennoch fällt auf, dass die Weitergabe des Lebens und der menschliche Leib hier ausgeprägte Wertschätzung erfahren, die Ebenen des Leiblichen und des Geistigen also nicht quasi dualistisch voneinander getrennt werden. Es wird zu Recht gesehen, dass eine Gesellschaft, die sich nicht von der Haltung der Fürsorglichkeit (Christen würden sagen: Nächstenliebe) bestimmen lässt, erkalten muss. Die Betonung egoistischer Grundhaltungen, bei denen zwischenmenschliche Beziehungen vornehmlich als Rivalitätsverhältnisse erscheinen, schwächt das soziale Miteinander und lässt die eigentlich sozial verfasste Person zum Einzelwesen werden, das um sich selbst kreist.

Vonseiten anderer Feministinnen wird jedoch kritisiert, dass der Differenzfeminismus mit der Betonung weiblicher Eigenschaften oder Haltungen letztlich doch in eine Falle tappe, die es Männern erlaube, unter Hinweis auf die weibliche Eigenart ihre faktische Dominanz zu bewahren. Es wird als problematisch angesehen, die Welt in eine Männer- und eine Frauenperspektive aufzuteilen. Werden die beiden Geschlechter die Weltgestaltung so je als gemeinsame Aufgabe verstehen können? Gibt es z.B. so etwas wie eine „weibliche Mathematik“?8 Für die postmodern denkenden Feministinnen ist die Rede vom „Wesen der Frau“ ohnehin obsolet geworden, weil für sie (wie wir sehen werden) Geschlecht nicht etwas ist, das man hat, sondern das man tut – und eben auch anders leben könnte.

Unter den verschiedenen Zweigen am Stamm des Feminismus hat der Differenzfeminismus heute wohl politisch den geringsten Einfluss. Als eines der letzten großen politischen Manifeste, die im Geist eines matriarchalen Feminismus verfasst wurden, kann das 1986 auf dem Mütterkongress der Partei Die Grünen verabschiedete „Müttermanifest“9 gelten. Darin forderten die Delegierten, die „Inhalte traditioneller Frauenarbeit“ als wertvolle Leistungen in das Emanzipationskonzept zu integrieren, sich also dem Anspruch an die Mütter zu widersetzen, eine Erwerbsarbeit aufzunehmen. In diesem Zusammenhang wurde verschiedentlich auch die Besserstellung von Müttern durch Zahlung eines den Lebensunterhalt sichernden Erziehungsgehalts gefordert. Diesem Vorstoß war jedoch weder damals noch irgendwann später Erfolg beschieden. Das „Müttermanifest“, so fasst Irene Stoehr zusammen,

wurde bald von Grünen und feministischen Sprecherinnen verworfen und häufig sogar in die Nähe der nationalsozialistischen Mutterkreuzpolitik gerückt, sodass seitdem eine produktive feministische Auseinandersetzung mit irgendeiner Mütterpolitik kaum mehr stattgefunden hat.10

In der Folge hat der Differenzfeminismus auch politisch an Einfluss verloren.11 Zugleich zeichnet sich ab, dass die Hochschätzung der weithin weiblich konnotierten pflegerischen Tätigkeiten über die sogenannten care ethics (im Deutschen hat sich die Bezeichnung „Ethik der Achtsamkeit“ durchgesetzt) auch Eingang in die akademische Diskussion findet.12 Hier wird zu Recht gesehen, dass eine Gesellschaft, in der die Fürsorge und Pflege von Hilfsbedürftigen und Schwachen unter die Räder eines rein ökonomischen Nutzenkalküls gerät, kalt und unbarmherzig wird und damit kein für das Menschsein des Menschen (aller Menschen!) gedeihliches Modell ist.

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  1. Männer, Frauen und …? Geschlechtertheorien im Widerstreit
  2. Frauenwelten - Der lange Weg zur Gleichberechtigung
  3. „Frauenen sind anders, Männer auch“ - Der Differenzfeminismus
  4. „Zur Frau wird man gemacht“ - Der Gleichheitsfeminismus
  5. „Heteronormativität überwinden“ - Die Dekonstruktion von Geschlecht
  6. „Verschieden denken, gemeinsam siegen“ - Von der Theorievielfalt zur Gender-Agenda


  1. A. Maihofer, Geschlecht als Existenzweise, S. 27. 

  2. Diese Auffassung wird allgemein Adam Smith zugewiesen, vgl. sein Buch Der Wohlstand der Nationen. Für eine differenzierte, den Egoismus-Aspekt einordnende Diskussion vgl. T. Sedláček, Die Ökonomie von Gut und Böse, Kap. 7. 

  3. Einer der Grundlagentexte der Matriarchatsforschung ist J. J. Bachofen, Das Mutterrecht. Ich beziehe mich hier exemplarisch auf die Untersuchungen von H. Göttner-Abendroth, die gebündelt vorliegen in ihrem Buch Der Weg zu einer egalitären Gesellschaft

  4. Ebd., S. 38. 

  5. Als Essenzialismus werden philosophische Konzeptionen bezeichnet, die von einem den Dingen innewohnenden Wesen (= „Essenz“) ausgehen. 

  6. Vgl. J. Stephens, Confronting Postmaternal Thinking

  7. Zu den theoretischen Vordenkerinnen des Differenzfeminismus gehört im übrigen L. Irigaray, Ethik der sexuellen Differenz

  8. So fragt zugespitzt H.-B. Gerl-Falkovitz, Frau – Männin – Menschin, S. 177. 

  9. Vgl. I. Lenz (Hg.), Die neue Frauenbewegung in Deutschland, S. 621–646. 

  10. I. Stoehr, „Feministische Mütterlichkeit?“, S. 117. 

  11. Er ist am ehesten noch in alternativen, kapitalismuskritischen Milieus der Universitäts- und Großstädte lebendig. 

  12. Der feministische Impuls wird greifbar bei C. Gilligan, Die andere Stimme, für die care ethics eine typisch weibliche Form der Ethik darstellt. Vgl. weiter E. Conradi, Take Care