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Ist das neue Testament vertrauenswürdig?

Dr. Jürgen Spieß

Die Auferstehung von Jesus Christus ist der Grund des christlichen Glaubens (1Kor 15,14, „Ist Christus nicht auferstanden, so ist euer Glaube eine Illusion“) und der christlichen Hoffnung (1Petr 1,3, „wiedergeboren zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu“). Im Gedenken an diese Auferstehung feiern die Christen weltweit jedes Jahr das Osterfest und in jeder Woche den Sonntag.

Welche Indizien gibt es nun für die Auferstehung von Jesus?
Das leere Grab. Es wird in allen Evangelien überliefert. Dabei werden drei Gruppen von Zeugen genannt: Soldaten, die das Grab bewachen sollten, Frauen, die gekommen waren, um den Leichnam einzubalsamieren und die Jünger, die von den Frauen gerufen wurden.

Das leere Grab wurde in der Antike, in einer Zeit, da eine Nachprüfung noch möglich war, nicht bestritten. Umstritten war, wie es zum leeren Grab kam. Die verbreitete Behauptung, der Leichnam Jesu sei gestohlen worden (Mt 28,13), um eine Auferstehung vorzutäuschen, zeigt, dass auch die Gegner Jesu von der Leiblichkeit der Auferstehung ausgingen. Hätten die Anhänger Jesu nicht die Leiblichkeit der Auferstehung verkündigt, dann wäre die Behauptung vom Leichenraub sinnlos. Das Aufweisen des Leichnams hätte dann nichts bewiesen, sein Fehlen auch nicht. Es ist offensichtlich, dass die Juden die Auferstehungsbehauptung als ein Auferweckt werden Jesu aus dem Grabe verstanden haben und offenbar konnten sie einen Leichnam nicht vorweisen (so der Berner Theologieprofessor Johannes Heinrich Schmid).

Das Argument, dass der Leichnam noch im Grabe verwese, begegnet in der Überlieferung nicht. Eine solche Behauptung, wenn man sie hätte beweisen können, wäre sehr viel wirksamer gewesen als die Leichenraubhypothese (so der Neutestamentler Prof. Martin Hengel, Tübingen).

Im Grab zurückblieben Leinentücher und das zusammengefaltete Schweißtuch (Joh20,4ff.). Das spricht gegen einen Leichenraub, denn man wickelt einen Leichnam, den man rauben will, nicht vorher aus.

In neuerer Zeit wurde manchmal behauptet: „Das Grab war nicht leer“. Man argumentiert: Paulus wusste nichts vom leeren Grab, sondern das leere Grab findet sich nur in den Berichten der (nach Meinung vieler Theologen etwas später als die Briefe des Paulus verfassten) Evangelien wieder. Dazu ist zu sagen:

Wenn Paulus nichts über das leere Grab schreibt, dann heißt das nicht, dass er nichts davon wusste. Das ist ein logischer Fehlschluß. Vielleicht war die Tatsache des leeren Grabes ja zu seiner Zeit so bekannt, dass er nichts darüber schreiben musste.

In seinen Briefen äußert sich Paulus an keiner Stelle über die historischen Fragen der Auferstehung, wie es etwa die Evangelien tun. Er muss also auch nichts über das leere Grab schreiben. Die wichtigste Stelle, die wir trotzdem zu dieser Thematik in seinen Briefen finden, 1Kor15,1-10 (25JahrenachdenEreignissenverfasst), geht der Frage nach, wie ist das allgemein mit der Auferstehung der Toten? Und in diesem Zusammenhang schreibt Paulus: Wie kann es Leute geben, die sagen, es gäbe keine Auferstehung der Toten, wo doch Gott Jesus von den Toten auferweckt hat? Paulus setzt also die Kenntnis der Gemeinde von der Auferstehung Jesu voraus. An diese Kenntnis knüpft er in seiner Argumentation an. In diesem Zusammenhang nennt er auch Zeugen für die Auferstehung von Jesus.

In der Apostelgeschichte, die als historische Quelle grundlegend ist für den Rahmen einer Geschichte des Urchristentums (Botermann), äußert sich Paulus (Kapitel 13) zum Grab Jesu und stellt es in einen Gegensatz zum Grab Davids (das tat vor ihm auch schon Petrus, Apg2,29–31): „David entschlief ... und wurde zu seinen Vätern versammelt und sah die Verwesung. Der aber, den Gott auferweckt hat, sah die Verwesung nicht.“ (13,36f.) Paulus wusste also durchaus etwas vom leeren Grab. Auch die Formulierung in 1Kor15,4 „begraben...auferweckt“ setzt doch wohl die Überzeugung eines leeren Grabes voraus.

Außerdem: Wenn das Grab nicht leer gewesen wäre, hätte sich die Verkündigung der ersten Christen über die Auferstehung von Jesus in Jerusalem nicht lange halten können.


Berichte über die Begegnungen mit dem Auferstandenen, werden in allen Evangelien, zu Beginn der Apostelgeschichte, aber auch in der schon zitierten Passage in 1Kor 15 überliefert. Kann man das erfinden?

Der jüdische Neutestamentler Pinchas Lapide hält das für undenkbar: Wenn die geschlagene und zermürbte Jüngerschar sich über Nacht in eine siegreiche Glaubensbewegung verwandeln konnte, lediglich auf Grund von Autosuggestion oder Selbstbetrug – ohne ein durchschlagendes Glaubenserlebnis –, so wäre das im Grunde ein weit größeres Wunder als die Auferstehung selbst.

Für Lapide ist es besonders bemerkenswert, dass Frauen als erste Zeugen des Auferstandenen genannt werden. Denn damals galt das Zeugnis von Frauen nichts. („Das Zeugnis der Frau ist nicht rechtsgültig wegen der Leichtfertigkeit und Dreistigkeit des weiblichen Geschlechts“, so der jüdische Historiker Flavius Josephus (38–100 n.Chr.)). Was machte es dann also für einen Sinn, Frauen als Zeugen für ein nicht geschehenes Ereignis zu erfinden?

Der Vorgang der Auferstehung selbst wird nicht beschrieben. Niemand war Zeuge dieses Handelns Gottes. Die Autoren des Neuen Testaments lassen allerdings keinen Zweifel an der Leiblichkeit des Auferstandenen: „... ein Geist hat nicht Fleisch und Bein wie ihr seht, dass ich habe.“ (Lk 24,39) oder: „sie umfassten seine Füße.“ (Mt 28,9). Durch die Himmelfahrt Jesu kommen die Begegnungen mit dem Auferstandenen zu einem sichtbaren Abschluss.

Die Wirkungsgeschichte. Die Hoffnungen der Jünger waren mit dem Tod Jesu am Kreuz begraben worden. Einen Widerhall dieser tiefen Enttäuschung findet man in der Geschichte von den Emmausjüngern (Lk 24). Das leere Grab allein hatte bei ihnen keinen (Oster-)Jubel ausgelöst. Die Jünger blieben aber trotz Spott, Verfolgung und Tod bei ihrer Verkündigung: „Gott hat den Jesus Christus, den ihr gekreuzigt habt, auferweckt“.

Sie verkündigten diese Botschaft mitten in Jerusalem wenige Wochen nach der Kreuzigung (Apg 2). Von ihrer jüdischen Erziehung her waren die Jünger nicht darauf vorbereitet, dass der Messias sterben und dass Gott ihn auferwecken würde. Noch einmal Lapide: Solch eine nachösterliche Verwandlung, die nicht weniger real als plötzlich und unverhofft war, bedurfte wohl eines konkreten Grundes, der die Möglichkeit einer leiblichen Auferstehung keineswegs ausschließen kann. Eins dürfen wir mit Sicherheit annehmen: An ausgeklügelte Theologenweisheit haben weder der Zwölferkreis noch die Urgemeinde geglaubt.


Waren die Menschen in der Antike leichtgläubiger als wir, die wir von der Aufklärung geprägt sind?

Als Paulus in Athen über die Auferstehung von Jesus (Apg 17) sprach, gab es anschließend drei Gruppen von Hörern: die Spötter, die sich auf Grund ihrer philosophischen Vorurteile (es gibt keinen Gott bzw. Gott will/kann nicht in die Geschichte eingreifen) so etwas überhaupt nicht vorstellen konnten; die Vertager, die meinten, man solle später auf die Sache noch einmal zurückkommen, und die Hörer, die zum Glauben an den auferstandenen Jesus kamen. Eine besondere Leichtgläubigkeit ist hier nicht erkennbar.

Fazit

Nach der historischen Überlieferung ist diese Auferstehung sehr gut bezeugt: Das leere Grab, die Begegnungen mit dem Auferstandenen, die Reaktion der Jünger. Die drei Hörergruppen von Athen wird es auch heute – nach der Aufklärung – geben, wenn über die Auferstehung von Jesus gesprochen wird.