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Gott im Fadenkreuz

Prof. Dr. John Lennox

Gott im Fadenkreuz. Warum der Neue Atheismus nicht trifft.

Ein Plädoyer für die Existenz Gottes! Der "Neue Atheismus" ist in Europa auf dem Vormarsch, selbstbewusster und kämpferischer denn je. Die Argumente gegen die Existenz Gottes sind aber längst nicht zwingend. Der bekannte Mathematikprofessor John Lennox nimmt den Ball auf. Engagiert und lebendig in der Sprache, brillant in der Gedankenführung, weist er nach, dass die Argumente der prominenten Vertreter der Neuen Atheisten sehr begrenzt sind: logisch nicht stichhaltig, wissenschaftlich nicht sauber genug.

Das Buch profitiert von den zahlreichen Debatten, die Professor Lennox mit führenden (Neuen) Atheisten führte, u.a. Richard Dawkins, Christopher Hitchens und Peter Singer.

ISBN: 978-3-417-26535-4
Verlag: SCM R.Brockhaus
Gebunden, 320 S.

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Wenn man den Aufstieg der modernen Naturwissenschaft betrachtet, dann stellt man fest, dass Wissenschaftler wie Galileo, Keppler, Newton usw., alle an Gott glaubten. Ihr Glaube war kein Hindernis für ihre Wissenschaft – im Gegenteil, ihr Glaube war der treibende Motor, der sie überhaupt erst zur Naturwissenschaft gebracht hatte. Diese Wissenschaftler haben Gesetze in der Natur erwartet, weil sie an einen Gesetzgeber glaubten.


So brachte Isaac Newton, nachdem er das Schwerkraftgesetz entdeckt hatte, in seinem weltberühmten Buch „Principia Mathematica“ die Hoffnung zum Ausdruck, dass seine Entdeckung „den denkenden Menschen überzeugen“ werde, an einen Schöpfergott zu glauben. Auf der anderen Seite haben wir Forscher wie Stephen Hawking, der bis 2009 den Lehrstuhl Isaac Newtons in Cambridge innehatte. Er meint, dass ebendieses Schwerkraftgesetzt ein Grund sei, nicht an Gott zu glauben.


Wir haben also diese zwei großen Figuren der Naturwissenschaft, die ein und dasselbe Gesetz so unterschiedlich auslegen. Die Frage lautet: Wie sind wir von Newton zu Hawking gekommen?

Unterschiedliche Gottesbegriffe

Früher habe ich gedacht, dass diese Spannung zwischen Naturwissenschaft und Glaube an Gott mehr oder weniger mit Missverständnissen der Naturwissenschaft zu tun habe. Heute bin ich mir da nicht mehr so sicher. Denn es gibt noch eine Überlegung, die mir sehr wichtig erscheint: Sie hat mit dem Gottesbegriff zu tun. Hawking meint, dass der Gott, an den ich glaube, wie ein griechischer Gott sei, der dem Pantheon angehört. Denken wir zum Beispiel an einen Donnergott. Weil die Griechen Angst vor dem Donner hatten, erschufen sie sich einen Donnergott. Aber nach dem Studium der Physik sehen wir, dass der Donnergott überflüssig ist. Er verschwindet, weil er ein Gott ist, der bloß eine Erklärungslücke füllt.


Der Grund, weshalb uns Stephen Hawking sagt, wir müssten zwischen Gott und der Naturwissenschaft wählen, ist der, dass er sich Gott als einen Lückenbüßer vorstellt. Wenn man Gott als das fehlende X definiert, das die Naturwissenschaften noch nicht geklärt hat, dann muss man zwischen Gott und Naturwissenschaft wählen. Aber das ist bei Weitem nicht der Gott der Bibel! Das erste Buch Mose fängt nicht mit den Worten an: Am Anfang hat Gott die Dinge im Universum geschaffen, die wir noch nicht verstehen. Nein, am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Gott ist kein Gott der Lücken. Deshalb hat Newton, je mehr er vom Universum verstand, Gott umso mehr bewundert.


Unterschiedliche Erklärungsebenen
Neben unterschiedlichen Gottesbegriffen gibt es meines Erachtens auch unterschiedliche Erklärungsebenen. Vertreter des Szientismus behaupten, dass die Naturwissenschaft der einzige Weg zur Wahrheit sei. Wenn etwas naturwissenschaftlich nicht erklärbar ist, dann ist es nicht rational.


Diese Ansicht ist heute sehr populär. Ich nenne das wissenschaftlichen Fundamentalismus. Wenn Naturwissenschaft Rationalität ist und Rationalität Naturwissenschaft, dann müsste die Hälfte der Fakultäten der Universität Marburg schließen: Geschichte, Literatur, Philologie usw. Die Naturwissenschaft ist deshalb erfolgreich gewesen, weil sie eine begrenzte Reihe von Fragen stellt. Aber diese Überheblichkeit, dass die Naturwissenschaft der einzige Weg zur Wahrheit sei, hat viele Leute im Griff – und ist doch logisch falsch. Denn der Satz „Die Naturwissenschaft ist der einzige Weg zur Wahrheit“ ist kein Satz der Naturwissenschaft. Er ist inkohärent und versucht zu viel zu behaupten.


Der Nobelpreisträger Sir Peter Medawar hat mal gesagt: „Es ist so einfach zu sehen, dass die Naturwissenschaft Grenzen hat. Sie kann die einfachsten Fragen eines Kindes nicht beantworten: Wer bin ich? Woher komme ich? Wohin gehe ich? Wir müssen weitere intellektuelle, rationale Disziplinen zu Rate ziehen, um solche Fragen zu beantworten.“ Wenn das Wasser im Kessel kocht, gibt es dafür mindestens zwei Erklärungsebenen. Erstens: Das Wasser kocht, weil die Hitze die Moleküle im Wasser immer schneller werden lässt. Oder aber zweitens: Das Wasser kocht, weil ich einen Tee trinken möchte. Dahinter steht mein Wille, der Ausdruck eines Handelnden. Es gibt also mindestens diese zwei Erklärungsebenen. Das erscheint so einfach und doch können es viele Menschen heutzutage nicht verstehen.


Die Kernaussage von Stephen Hawkings Buch „Der große Entwurf“ lautet: „Weil es ein Schwerkraftgesetz gibt, wird und kann sich das Universum selbst erzeugen aus Nichts.“ Das ist ein Widerspruch. Denn wenn es ein Schwerkraftgesetz gibt, erzeugt sich das Universum ja eben nicht aus dem Nichts.
Zweitens bleibt die Frage, woher wiederum das Gesetz kommt. Hawking sagt übrigens nicht, weil es Schwerkraft gibt, sondern weil es ein Schwerkraftgesetz gibt. Als ob ein Gesetz schöpferische Kraft hätte. Gesetze schaffen nichts, sie bewegen nichts.


Drittens kann sich das Universum nicht aus sich selbst erzeugen. Kann denn eine Sache ihre eigene Ursache sein? X kann Y verursachen, aber X kann nicht X verursachen. Der oben zitierte Satz ist für Hawking der Hauptgrund, weshalb er in seinem Buch die Existenz eines Schöpfers ablehnt. Das hat mich, ganz offen gesagt, schockiert: Denn dieser eine Satz enthält drei verschiedene Widersprüche.

Wer steckt hinter dem DNS-Code?

Richard Dawkins behauptet, dass Gott per Definition keine Erklärung von etwas sein kann, weil die Erklärung „Gott“ viel komplizierter ist als das, was man erklären möchte. Das heißt, eine Erklärung müsse immer vom Einfachen zum Komplexen gehen. Tatsächlich ist das ja auch oft der Fall, wir können reduktionistisch sehr viel erklären. Aber es gibt einen Bereich, in dem das nicht funktioniert, und zwar im Bereich der Sprache. Wenn ich die Frage nach der Herkunft des Buches von Richard Dawkins stelle – und mir jemand erklären würde, es entspringe den komplizierten Gedanken Dawkins‘ – dann lehne ich das ja auch nicht ab, nur weil die Erklärung viel komplizierter ist als das, was man erklären möchte.


Was heißt das nun in unserer Welt mit den wunderbaren Ergebnissen der Naturwissenschaften und der mathematischen Beschreibbarkeit des Universums? Mathematik ist eine Sprache; die natürlichen Sprachen sind Sprachen; Computersprachen sind Sprachen. Wo immer wir eine Sprache entdecken, schlussfolgern wir sofort, dass dahinter ein Gehirn steckt. Und was tun wir mit dem längsten Wort, das wir je entdeckt haben? Dem DNS-Code mit 3,5 Milliarden Buchstaben in der richtigen Ordnung? Wenn ich Naturwissenschaftler nach der Bedeutung eines wahllosen Wortes frage zum Beispiel das Wort „Presse“ mit seinen sechs Buchstaben – dann erklären Sie mir die Wortbedeutung. Wenn ich dann aber frage, woher sie diese wüssten, sagen sie mir, dass die aneinandergereihten Buchstaben in der deutschen Sprache eben eine bestimmte Bedeutung hätten und dass hinter diesem System Sprache ein Verstand stehe. Warum aber sieht man den Verstand hinter dem DNS-Code nicht? Über drei Milliarden Buchstaben, die einen semiotischen, Bedeutung tragenden Code bilden.

Ist das alles nur Zufall?

In den letzten Jahrzehnten haben wir erlebt, wie die Molekularbiologen, zunächst etwas zurückhaltend, dann aber vollständig akzeptiert haben, was ihnen durch die Aufklärung des Baus und der Methodik des genetischen Codes aufgedrängt wurde: dass er Sprache und Methodologie der Informationstechnik aufweist! Müssen wir in der Naturwissenschaft zwangsläufig unsere Analyse auf naturalistische Prozesse einschränken? Oder dürfen wir den Indizien folgen, wo sie uns hinführen? Antoni Flew, ein bekannter Humanexperte und Atheist, ist im hohen Alter zum Glauben an Gott gekommen – durch das Wort: DNS. Er sagte: „Ich wollte den Belegen folgen, wohin sie geführt haben.“ Das heißt, der Konflikt besteht also nicht zwischen Glaube und Naturwissenschaft, er liegt viel tiefer zwischen zwei Weltanschauungen. Und auf beiden Seiten gibt es Naturwissenschaftler. Der Nobelpreis für Physik ging 2013 an einen Atheisten aus Schottland, Peter Higgs. Einige Jahre zuvor ging er an einen Christen aus Amerika, William D. Philipps. Beide sind Top-Physiker. Was sie voneinander trennt, ist nicht die Physik, sondern die Weltanschauung. Es ist an uns zu entscheiden, welche die bessere Erklärung ist: die ohne Gott oder die mit Gott.


  1. Gott im Fadenkreuz
  2. Der Glaube der Naturwissenschaftler