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Die Wahrheit hat Konjunktur

Prof. Dr. Matthias Clausen

„Wir haben alternative Fakten“, so Kellyanne Conway, Beraterin von Donald Trump,

auf die Frage, was Sie denn zu den Fotos von der Menschenmenge bei der Amtseinführung ihres Chefs zu sagen habe?1 Ganz offenkundig waren beim gleichen Anlass bei Barack Obama vor acht Jahren deutlich mehr Menschen anwesend als nun im Januar 2017. Mehrere Fotos zu unterschiedlichen Tageszeiten aus unterschiedlichen Blickwinkeln machten das erkennbar. Macht nichts, so schien die Antwort zu lauten, wir haben eben alternative Fakten. Das könnte man lustig finden, wenn es nicht so traurig wäre. Denn der freizügige Umgang mit Evidenz und Interpretationen macht ja bei Fotos von Menschenmengen nicht halt. Soziale Medien sind voll von Falschmeldungen – teils bewusst gestreut und technisch vervielfältigt –, mit denen ganze Gruppen von Menschen in Misskredit gebracht werden. Die Seite hoaxmap.org etwa stellt eine Karte zur Verfügung, auf der Falschmeldungen zu Asylsuchenden nach Region gesammelt werden. Akribisch wird anhand von Pressemeldungen und Polizeiberichten nachgewiesen, was an den gestreuten Meldungen falsch ist, zum Teil nachweislich frei erfunden. Trotzdem werden solche Gerüchte munter weitergeleitet, zahlreich auf Facebook gepostet und gelikt, denn „man wusste ja schon immer, dass ...“. Vorurteile gegen Flüchtlinge sind anscheinend so verbreitet, dass sie teils bewusst mit Lügen unterfüttert werden.


Eine neue Debatte
Die Wahrheit ist eben doch keine bloße Konstruktion. Wahrheit und Unwahrheit lassen sich unterscheiden, und es hat unmittelbare Auswirkungen auf eine Gesellschaft, wenn diese Unterscheidung verwischt wird. In den Geistes- und Sozialwissenschaften findet daher eine angeregte Debatte darüber statt, was die aktuellen politischen Entwicklungen für zuvor heiß geliebte postmoderne Theorien bedeuten. Schon die verdeckte Kriegsführung von Putin bei der Annexion der Krim, später dann die Wahl von Trump zeigen nämlich, wie wichtig die – Wirklichkeit! – außerhalb des Seminarraums ist.


„Katerstimmung bei den pubertären Theoretikern“, schrieb etwa der Philosoph Michael Hampe von der ETH Zürich Ende letzten Jahres in der ZEIT2: Die „kulturwissenschaftliche Linke“ habe sich jahrelang damit befasst, Wahrheitsansprüche als soziale Konstrukte darzustellen. Dabei gab es immer schon eine merkwürdige Spannung mit dem zugehörigen moralischen Empfinden: Denn vieles schien diesen Theoretikern erlaubt, nur Rassismus war z. B. ein „No Go“. Wie soll das aber funktionieren, wenn doch angeblich auch unsere Wertmaßstäbe nur ein Konstrukt sind? Man könnte ergänzen: Spätestens wenn man echten Rassisten begegnet, die Brandsätze auf Flüchtlingsheime werfen, ist moralischer Relativismus enttarnt – als nicht nur logisch unbefriedigend, sondern als zynisch. Menschen anderer Herkunft verbrennen zu wollen, ist eben objektiv Unrecht.


Postmoderne Kollegen von Michael Hampe haben auf solche Kritik reagiert, z. T. erkennbar verschnupft. Als ob Trump & Co die einschlägigen Philosophen gelesen und verstanden hätten! Anders gesagt, „Don’t blame Nietzsche for Donald Trump“ (Stanley Fish). Bernhard Pörksen von der Uni Tübingen findet außerdem, dass Trump und Putin gar nicht wirklich postmodern sind, weil sie eben doch an etwas glauben, nämlich z. B. An ihre je eigene Nation.3


Gefühlte Wirklichkeit?
Wir müssen diese Diskussion nicht entscheiden. Sie zeigt aber: Die Wahrheit hat Konjunktur. Die Sehnsucht nach verlässlichen Informationen wächst, vielleicht auch deswegen, weil sie Mangelware geworden zu sein scheinen. Vor allem ist deutlicher geworden, was bei der Suche nach Wahrheit auf dem Spiel steht. Denn, so Michael Hampe: Lügen und irreführende Propaganda hat es in der Politik schon immer gegeben. Was aktuell aber neu ist, ist die Unverfrorenheit, mit der offenkundige Unwahrheiten weiterverbreitet werden, scheinbar immun gegen noch so gut begründete Einwände.


Und die Relativierung des Unterschieds echter und „gefühlter“ Wirklichkeit ist nicht nur ein Problem in anderen Ländern. Das erleben wir auch in deutschen Talkshows. Da wird ein AfD-Kommunalpolitiker darauf hingewiesen: Die Zahl der Flüchtlinge in Deutschland ist geringer, als seine Partei behauptet. Und er antwortet: „Es geht nicht nur um die reine Statistik, sondern es geht darum, wie das der Bürger empfindet. Perception is reality. Das heißt: Das, was man fühlt, ist auch Realität.“4


Ist das so? Würden wir das z. B. In einem missionarischen Gespräch so stehen lassen? Etwa einen Satz wie: „Ich sehe Gott nicht, ich fühle Gott nicht – also kann es ihn auch nicht geben“? Oder auch: „Ich erlebe Gott als Kraft in der Natur, einen persönlichen Gott kann ich mir nicht vorstellen – also glaube ich, dass die Natur selbst göttlich ist.“ Würden wir das bejahen? Nein, denn Wahrheit ist eben nicht identisch mit Wahrnehmung. Was ich wahrnehmen kann, was ich mir vorstellen kann, bestimmt nicht, was wahr sein kann. Kein Mensch hat die „Wahrheit gepachtet“, das stimmt. Was wahr ist, wird unsere Wahrnehmung fast immer übersteigen. Das heißt nur eben nicht, dass Wahrheit beliebig wäre. Sondern weil es Wahrheit gibt, lohnt es sich gerade, nach ihr zu suchen. Umso gewissenhafter und sorgfältiger müssen wir bei dieser Suche vorgehen.


Die Gelegenheit nutzen
Wie gehen wir nun als Christen auf das neu gewonnene Interesse an der Wahrheitsfrage ein? Und wie tun wir das angesichts der genannten Herausforderungen – u. a. Gezielter Desinformation, undurchschaubarer Propaganda, Überinformation im Netz und fehlender Kriterien zur Bewertung von Nachrichten? Dass Wahrheit erstrebenswert ist und nicht nur ein akademisches Spiel mit Worten, wird den Menschen zunehmend wieder klar. Umso mehr suchen sie nach Orientierung und verlässlicher Information.


Als Christen glauben wir, dass Gott die Welt geschaffen und uns mit der Fähigkeit ausgestattet hat, nach Wahrheit zu suchen. Das gehört also mit zu unseren Aufgaben. Gerade für Christen gilt daher:


1. Vorbildlich und gewissenhaft sein in der Beachtung wissenschaftlicher Standards
D.h., wir vertreten im Hörsaal, im Gespräch mit Studenten und im akademischen Umfeld nur das, was sich nach den Regeln des jeweiligen Fachs auch ordentlich belegen lässt. In der Apologetik spricht man hier gelegentlich vom „minimal facts“-Ansatz: Ich konzentriere mich in meiner Argumentation auf solche Fakten, bei denen ich von gut informierten Gesprächspartnern aus meinem Fachbereich möglichst viel Zustimmung erwarten darf – weil diese Fakten besonders gut abgesichert sind. Wohl gemerkt: D. h. Natürlich nicht, dass „nur das wahr sein kann, was bereits Stand der Forschung ist“ – dann könnte Wissenschaft sich ja niemals weiterentwickeln. Es heißt nur, dass wir, zumal im Gespräch über den Glauben, besonders sorgfältig und gewissenhaft argumentieren. Das schafft Vertrauen. Und das Interessante ist, dass wir auch auf diese Weise sehr weit kommen.


Ein Beispiel: Die historische Vertrauenswürdigkeit des Neuen Testaments. Hier kommt man erstaunlich weit, wenn man zunächst auf Erkenntnisse des (eher liberalen) universitären Mainstreams zurückgreift. Demnach sind die Evangelien zwischen rund 70 und 100 n. Chr. Abgefasst, die Paulusbriefe in den 50er-Jahren. Von Jesus wissen wir, auch unter Rückgriff auf römische Quellen, dass er um das Jahr 30 herum öffentlich aufgetreten ist. Der Abstand zwischen den Ereignissen und den ältesten Texten be- trägt also 40 bis 70 Jahre bzw. 20 Jahre. Schon das ist im Vergleich zu anderen Dokumenten der Antike äußerst kurz. Wir haben also guten Grund, die Evangelien als historische Quellen ernst zu nehmen. Natürlich kann man ergänzen: Es ist begründbar, dass in den Evangelien noch ältere schriftliche Quellen verarbeitet wurden. Die ersten schriftlichen Zeugnisse über Jesus sind also vielleicht schon weitaus früher entstanden. Oder: Vielleicht sind auch die Evangelien selbst früher entstanden, möglicherweise noch um das Jahr 60 oder noch davor. Das ist alles spannend und lässt sich diskutieren. Es ist aber (noch) nicht Stand der Forschung. Und es ist auch nicht nötig für das o. g. Argument.


2. Nicht ungeprüft alles glauben, was wir lesen und sehen
Ich erinnere mich an einen alten Evangelisten, der einmal sinngemäß sagte: „Ist doch erstaunlich, dass so viele Menschen nicht glauben, was in der Bibel steht – aber sie glauben doch, was in der ‚Bild‘ steht.“ Dass nicht alles stimmt, was in der Zeitung steht, übrigens auch in deutlich seriöseren Zeitungen, weiß jeder, der sich die Mühe macht, Gegendarstellungen zu lesen. Übrigens stimmt auch nicht alles, was im christlichen Blätterwald zu lesen ist, das wissen z. B. Menschen, die dort gelegentlich selber zitiert werden. Nun kann vieles davon an verzeihlichen Irrtümern liegen; und dass es in Deutschland eine Pflicht zum Abdruck von Gegendarstellungen gibt, ist ja auch schon was. Noch ernster ist das Problem online, zumal da, wo man sich vom professionellen Journalismus entfernt und private Blogs und Einträge in sozialen Netzwerken liest. Hier ist oft weitaus schwerer zu beurteilen, was wahr und was erfunden ist – oder noch schwieriger: was wahr und was verzerrt, aus dem Kontext gerissen und irreführend dargestellt ist.


Aus dem Zusammenhang gerissen kann ein Foto oder ein Satz etwas völlig anderes bedeuten als ursprünglich gemeint. So machte im letzten Jahr ein Foto die Runde von einem kleinen blonden Kind, umringt von dunkelhäutigen Menschen, mit dem Text: „Deutschland 2030. Woher kommst du denn?“. Das Foto wurde u.a. von der Politikerin Erika Steinbach (damals noch CDU) verbreitet und auf Twitter mehr als 10.000 mal geteilt. Nach einer aufwändigen Recherche konnte der NDR den Ursprung des Bildes feststellen: Es stammt vom Besuch einer australischen Familie in einem Kinderheim in Indien. Ein näherer Blick auf die Gesichter zeigt ja auch ein freundliches Miteinander. Die Familie und die Leitung des Heims waren entsetzt zu hören, in welchem Zusammenhang das Bild online verwendet wurde.5


3. Den eigenen Vor-Urteilen mit gesundem Misstrauen begegnen
Facebook & Co haben enorme Vorteile, zumal im Austausch mit Freunden weltweit. Sie haben aber u.a. folgenden Nachteil, der den Nutzern meist gar nicht als solcher auffällt: Die eingebaute Software lernt mit, was ihre Nutzer interessiert, und präsentiert ihnen entsprechende Informationen bzw. Informationsquellen. Das kennen selbst Facebook- Abstinenzler (wie z. B. Ich selbst) ansatzweise auch sonst aus dem Netz: Wer sich für Asterix, Elektro- autos, Pfannkuchen-Rezepte und Apple-Produkte interessiert (diese Auflistung ist rein zufällig), wird beim Surfen wie durch Zufall auch verstärkt auf entsprechende Werbung stoßen. Das kann man einschränken, wenn man regelmäßig die „Cookies“ aus dem eigenen Internet-Programm entfernt, also gewissermaßen die Klebezettelchen, die eine Website nach ihrem Besuch an den Benutzer anheftet, um dessen Surfverhalten zu markieren.


In sozialen Netzwerken ist die Anpassung an die Vorlieben des Nutzers aber deutlich ausgefuchster und viel schwerer einzuschränken. Das ist ohne Zweifel praktisch, weil man so nicht lange suchen muss nach dem, was einen interessiert. Es hat aber zur Folge, dass einem auch inhaltlich meist nur das präsentiert wird, was man bereits für richtig und wichtig hält. Das Paradoxe daran: Das „große“ Internet mit seiner Flut an Informationen und seiner im- mer wirksameren Software kann zu einer gigantischen Selbstbestätigungsmaschine werden. Man sieht, hört und liest nur das, was man sowieso glaubt und gut findet. Anderslautende Meinungen werden ausgeblendet oder als Getöse der Unverbesserlichen wahrgenommen. Ein Merkmal von Verschwörungstheorien ist ja, dass sie gegen Kritik an ihren Grundannahmen immun sind, weil sie solche Kritik immer sofort in das eigene Weltbild einbauen: „Es ist klar, dass du mir widersprichst, denn bist ja selbst manipuliert worden.“ Dagegen lässt sich schwerlich argumentieren. Hier hilft nur das geduldige Mitgehen und das beständige Angebot, unaufdringlich aber beharrlich, die Welt einmal aus einer anderen Sicht wahrzunehmen.


Und glauben wir bloß nicht, wir Christen seien gegen solche „Filterblasen“ gefeit, ob online oder durch die Wahl unserer Tageszeitung oder unseres Freundeskreises. Suchen wir also regelmäßig den Austausch mit Medien und Menschen, die etwas völlig anderes vertreten als wir selbst – um sie besser zu verstehen, um eigene blinde Flecken zu erkennen – und um andere besser zum Glauben an Jesus einzuladen. Gewinnen kann ich nur den, den ich verstehe.


4. Den Wahrheitsanspruch des christlichen Glaubens gelassen und beherzt vertreten
Dass es den Vertretern von Wahrheitsansprüchen keineswegs immer nur „um die Sache“ geht, sondern oft auch um den eigenen Einfluss – damit haben Vordenker der Postmoderne sicher Recht. Das heißt nun bekanntlich nicht, dass es keine Wahrheit gibt. Denn selbst wenn ein Wahrheitsanspruch demjenigen, der ihn äußert, offenkundig nützt, wird er ja nicht dadurch falsch.


„Ich bin überzeugt, dass Deutschland 2014 Fußballweltmeister geworden ist.“ Das wird nicht dadurch falsch, dass es mich erfreut. Dass mit Wahrheitsgelegentlich auch Machtansprüche verbunden sind, heißt aber: Umso demütiger müssen wir auftreten, wenn wir den Wahrheitsanspruch des christlichen Glaubens vertreten. Und das aus mindestens zwei Gründen:


Erstens hat es dieser Anspruch auch so schon in sich. „Ich bin die Wahrheit“, sagt Jesus (Joh 14,6). „Niemand kommt zum Vater außer durch mich.“ Das ist exklusiv und enorm anspruchsvoll. Davon dürfen wir nichts wegnehmen. Es hilft aber, wenn wir deutlich machen: Es geht bei diesem Anspruch in keiner Weise um einen Machtanspruch unsererseits, oder den unserer christlichen Organisationen. Wir wollen Menschen für Jesus gewinnen, nicht für unsere Statistik.


Zweitens geht es eben: um Jesus, und nicht um uns. Der Wahrheitsanspruch unseres Glaubens bezieht sich auf das Herz unseres Glaubens, auf eine Person. „Ich bin die Wahrheit“, sagt Jesus. Natürlich lässt sich daraus auch die Wahrheit von Aussagen über Jesus ableiten. Wenn Jesus selbst die Wahrheit ist, dann ist z. B. Auch die Aussage wahr: Jesus ist von den Toten auferstanden. Nur ist es kein Zufall, wenn in der Bibel Jesus selbst als Wahrheit bezeichnet wird. Weil schon im Alten Testament Wahrheit und Verlässlichkeit Gottes eng zusammenhängen.


Unser Glaube ist wahr, weil Gott zuverlässig ist. Wahrheit ist also nicht theoretisch und abstrakt, sondern lebensnotwendig – und Jesus Christus ist der eine, auf dem wir uns im Leben und Sterben verlassen können.


  1. Siehe z.B. FAZ vom 04.02.2017. 

  2. Michael Hampe: Donald Trump: Katerstimmung bei den pubertären Theoretikern, ZEIT vom 19.12.2016. 

  3. Bernhard Pörksen: Donald Trump: Sind wir an alldem schuld? ZEIT vom 05.02.2017. 

  4. Claudia von Laak: „Gefühlte Realität“; in: Deutschlandfunk, 14.09.2016 (http://www.deutschlandfunk.de/afd-wahlkampf-in-berlin-gefuehlte-realitaet.1773.de.html? dram:article_id=365806, aufgesucht am 08.07.2017). 

  5. http://www.ndr.de/nachrichten/netzwelt/Ausgegraben-Der-Ursprung-des-Steinbach-
    Bildes,twitterbild120.html (aufgesucht am 09.07.2017). 

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