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Christlicher Wahrheitsanspruch im Zeitalter des Postmodernismus

Prof. Dr. Daniel von Wachter

Lässt sich in der Postmoderne ein (christlicher) Wahrheitsanspruch noch aufrecht erhalten? Oder hält der Postmodernismus die Menschen nur davon ab, nach Wahrheit zu suchen? Wahrheit zu suchen, ist anstrengend. Wer nach Wahrheit sucht, wird Gründe für Wahrheit finden. Auf der Suche nach Wahrheit finden Menschen immer wieder Gott, denn er ist ein Gott, der sich offenbart und Menschen auch über die Vernunft anspricht.

Vortrag von Daniel von Wachter, www.von-wachter.de, am 5.11.2016 beim Studientag der VBG in Bern, mit dem Thema „Nur eine Wahrheit? Christsein in einer pluralen Gesellschaft“.

„Natürliche Religion“

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde!


Im 18. Jahrhundert gab es eine Gruppe von Schriftstellern, die eine Religion ohne Offenbarung propagierte. Sie nannten das „natürliche Religion“, Moses Mendelssohn nannte es auch „Menschenreligion“. Die natürliche Religion enthält nur allgemein Erkennbares über Gott oder Moral. Sie enthält insbesondere keine besondere Offenbarung des Weges zum Heil. Die einzelnen Religionen wie Christentum, Judentum und Islam stellen die natürliche Religion auf verschiedene Weisen dar. Die Unterschiede zwischen den Religionen sind gemäß der Vorstellung dieser Autoren nicht wesentlich. Gotthold Ephraim Lessing schrieb deshalb: „Alle positiven und geoffenbarten Religionen sind folglich gleich wahr und gleich falsch.“ Sie sind gleich wahr, da sie alle die natürliche Religion, das allen Religionen Gemeinsame enthalten. Sie sind gleich falsch, da sie etwas zusätzlich zur der natürlichen Religion enthalten. Dieses „schwächt und verdrängt“ nach Lessing das Wesentliche. Das Wesentliche jeder Religion ist für Lessing das, was sie mit allen anderen Religionen gemeinsam hat. „Die beste geoffenbarte oder positive Religion ist die, welche die wenigsten conventionellen Zusätze zur natürlichen Religion enthält, die guten Wirkungen der natürlichen Religion am wenigsten einschränkt.“


Das ist ein als Interpretation des Christentums verkleideter Angriff auf das Christentum, denn dieses lehrt, daß Gott einen und nur einen Weg zum Heil offenbart hat, und der führt über Jesus: „So sei euch aber kundgetan, liebe Brüder, daß euch durch ihn Vergebung der Sünden verkündigt wird“ (Apg. 13,38) Daraus folgt, daß die anderen Religionen, die einen anderen Weg zum Heil lehren, falsch sind oder zumindest, daß ihnen das Wichtigste fehlt, weil sie nicht den Weg zur höchsten Erreichbaren Seligkeit enthalten.


Was ist von diesen Gedanken zu halten? Lessing sagt einfach so, daß das Wesen vom Christentum nicht die Lehre ist, daß wir durch Christus erlöst werden können, sondern das, was das Christentum mit allen anderen Religionen gemeinsam hat. Wie ist das zu begründen? Lessing führt keine Gründe an, er wünscht sich das einfach so. Vielleicht wäre es möglich, daß Gott keinen Weg zum Heil vorgibt, aber wenn es einen Gott gibt, ist es mindestens genauso wahrscheinlich, daß er Vergebung möglich macht, so daß dann nur der von ihm offenbarte Weg zur Erlösung führt. Lessing müßte zeigen, daß wir ausschließen können, daß Gott einen Weg zum Heil offenbart. Das kann Lessing nicht, und er versucht es auch nicht.


Ob es einen offenbarten Weg zur Erlösung gibt, können wir nur herausfinden, indem wir nach ihm suchen. Auf das Christentum angewandt heißt das, daß man die Gründe für die Wahrheit des Evangeliums prüfen muß, zum Beispiel indem man die Verläßlichkeit des Neuen Testamentes und die Indizien für die Auferstehung Jesu prüft. Lessing will es sich einfacher machen, indem er im Brustton der Überzeugung verkündet, daß eine Behauptung einer Offenbarung eines Heilsweges die Religion nur stören würde. Manche finden, daß das überzeugend klingt, aber überlegen Sie bitte: Welches Argument führt Lessing für seine These an, daß es keine Offenbarung eines Weges zum Heil geben kann? Da ist nur der Wunsch Lessings zu spüren, daß es keinen offenbarten Weg zum Heil gebe. Aber ein Grund liegt da nicht vor.


Lessings Vorstellung scheitert auch daran, daß die These, daß das Wesentliche jeder Religion das sei, was alle Religionen gemeinsam haben, dem Selbstverständnis zumindest des Christentums und des Islams völlig widerspricht. Das Neue Testament lehrt mit Nachdruck, daß die Bekehrung zu Christus der einzige Weg zur Erlösung ist. Lessings Behauptung, daß diese Lehre nicht zum „Wesentlichen“ des Christentums gehöre, ist frei erfunden.

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  2. Führt Monotheismus zu Gewalt?
  3. „Postmoderne"
  4. Die Kraft der Wahrheit
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