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Warum lässt Gott das zu?

Dr. Wolfgang Ilg

Antwort auf die Frage eines Jugendlichen

Lieber Thorsten,

„warum lässt Gott das zu?“: Erwartungsvoll hast du mich letzte Woche angeschaut und mir diese Frage gestellt. Als Pfarrer müsse ich das doch schließlich wissen. Ich konnte nur sagen: „Ich weiß es auch nicht“ – und habe versprochen, dir einen Brief zu schreiben. Um es vorweg zu nehmen: Auch in diesem Brief wirst du keine Antwort auf deine Frage finden. Trotzdem will ich dir ein paar Gedanken mitteilen, denn keine Antwort zu wissen bedeutet ja nicht, dass man ganz sprachlos bleiben muss.

Zunächst möchte ich dir für deine Offenheit und dein Vertrauen danken. Ich habe gespürt, wie schwer es dir fiel, über das zu sprechen, was dich fast jede Nacht in Alpträumen begleitet: Die Bilder von dem schrecklichen Unfall beim Skifahren – die Lawine, die nur wenige Meter von dir entfernt eine Gruppe in den Tod riss, zu der dein bester Freund gehörte. „Er war doch gerade erst 16 Jahre alt. Wie kann ein liebender Gott einen Mensch so grundlos sterben lassen?“ hast du gefragt.

Viele kluge Menschen haben sich mit dieser Frage auseinandergesetzt, die man auch die „Theodizee“-Frage nennt. Wenn ich dir von diesen theologischen Einsichten erzähle, tue ich es mit gemischten Gefühlen. Denn auch wenn die gedankliche Beschäftigung wichtig ist, füllt sie doch nicht die Trauer und die offen bleibenden Fragen aus.

Die Grundfrage der Theodizee lautet: Wenn Gott gütig, allmächtig und allwissend ist – wie kann er dann das Leid zulassen? Der Philosoph G. W. Leibniz sortierte das Stichwort „Leid“ schon vor über 300 Jahren in drei Kategorien:

1.) Der Mensch leidet unter dem „metaphysischen Übel“, also der Tatsache, dass wir Geschöpfe sind und nicht Gott. Warum pauken wir tagelang Mathe-Formeln und landen dann doch bei einer 4 – wäre ein bisschen Allwissenheit nicht praktisch? Diesem „metaphysischen Übel“ lässt sich noch recht leicht begegnen: Gerade unsere Begrenzungen und Fehler machen uns zu Menschen. Wären wir alle wie Gott, würde das Quizduell keinen Spaß mehr machen.

2.) Der Mensch leidet unter dem „moralischen Übel“, also darunter, dass Menschen sich gegenseitig Böses antun können: Warum können Klassenkameraden so gemein sein, dass sie einen Mitschüler durch Mobbing in die Einsamkeit treiben? Dieselbe Grundfrage stellt sich in verschärfter Form bei Terrorakten oder Kriegen. Trotz all dieser Schrecken: Wäre es denn wünschenswert, dass der Mensch zum Bösen nicht mehr fähig ist? Zur Freiheit gehört die Wahlmöglichkeit und damit notwendigerweise auch das moralische Übel. Ohne diese Freiheit wären wir willenlose Marionetten.

3.) Der Mensch leidet unter dem „physischen Übel“. Warum lässt Gott Katastrophen geschehen, die – auch völlig unabhängig von bösen Absichten anderer Menschen – zu unfassbarem Leid führen? Warum mussten z.B. an Weihnachten 2004 durch den Tsunami aufgrund eines Bebens im Indischen Ozean 230.000 Menschen sterben? Die Antwort auf diesen Aspekt der Theodizee-Frage ist die schwierigste, oder, um es klar zu sagen: Sie fehlt.

Vielleicht fragst du dich: Wie kann man sein Leben auf einen Glauben bauen, der eine so zentrale Frage nicht beantwortet? In der Tat: Eine zwingende, für alle gültige Antwort habe ich hierzu nicht. Und die frommen Antworten, die ich hier und da schon gelesen habe („Frage nicht nach dem Warum, sondern dem Wozu“ usw.) machen mich eher wütend, weil sie das Leiden nicht ernst nehmen. Meine ganz persönliche Erfahrung ist: Ich kann mit dieser offen bleibenden Frage leben und auch weiterhin glauben. Denn schließlich – vergleiche das „metaphysische Übel“ – bin ich nicht Gott, und auch nicht Gottes Pressesprecher.

Was mir Mut gibt ist allerdings die Erkenntnis, dass es reiches Leben trotz Leiderfahrungen gibt, ja manchmal sogar gerade dann. Wenn ich an meine eigenen Erfahrungen denke, dann waren manche schwierigen Zeiten auch Phasen, in denen ich das Leben in besonderer Weise kennen gelernt habe: Menschen, die sich geöffnet und mich unterstützt haben. Prioritäten, die sich ganz neu und auf gute Weise sortierten. Und nicht zuletzt Gott selbst, der meine offenen Fragen aushält. Vielleicht hast du ja auch schon diese merkwürdige Erfahrung gemacht, dass gerade in den Tiefen unseres Lebens auch eine tiefe Begegnung mit Jesus entstehen kann, weil der „heruntergekommene“ Gott uns als ein tröstendes Gegenüber mit eigener Leidensgeschichte besonders nahe steht.

Es ist etwas anderes, ob man sich mit der Theodizee-Frage am Schreibtisch in philosophischer Lust auseinandersetzt oder ob man im eigenen Leben davon betroffen ist. Den Verlust deines Freundes macht keine theologische Erklärung wett. In der Bibel wird deutlich, dass du mit deinen Fragen in bester Gesellschaft bist. „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ schreibt ein Psalmbeter im Alten Testament. Und Jesus selbst nimmt diesen Ruf am Kreuz auf.

In diesem Sinne enthält auch mein Brief keine Erklärung, kein glattes Gottesbild. Aber die Ermutigung, an diesem Gott dran zu bleiben und darauf zu vertrauen, dass eines Tages eine neue Welt beginnt, in der Gott selbst uns die Tränen von den Augen abwischen wird. Bis dahin bleiben Fragen offen und werde ich noch manche Träne mit dir weinen. Bleiben wir in Kontakt!

Herzlich verbunden

Dein Wolfgang

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