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Warum reisten Maria und Joseph nach Bethlehem?

Dr. Andreas Gerstacker

Auszug aus: „Was geschah an Weihnachten? – Ein Historiker untersucht die Geburt von Jesus nach dem Lukasevangelium“

Joseph und Maria reisen in der Weihnachtsgeschichte von Nazareth nach Bethlehem, um sich dort in die Steuerlisten eintragen zu lassen. Darin wird oft der entscheidende Grund gesehen, warum Lukas (oder seine Quelle) die Geschichte der Steuerschätzung erzählt (bzw. erfindet): Er muss Jesu Eltern vor dessen Geburt nach Bethlehem bringen, damit dieser in Erfüllung der alttestamentlichen Prophetie aus Mi 5 als ordentlicher Messias aus der Familie Davids auch in der Stadt Davids geboren werden kann. So schreiben G. Theissen und A. Merz in ihrem bekannten Lehrbuch zum „Historischen Jesus“: „Jesus stammt aus Nazareth. Die Verlagerung des Geburtsortes nach Bethlehem ist ein Ergebnis religiöser Phantasie und Vorstellungskraft: Weil der Messias nach der Schrift in Bethlehem geboren werden musste, wurde Jesu Geburt dorthin verlegt.“

Auch J. Fitzmyer, ebenfalls kein radikaler Kritiker, meint dazu in seinem wichtigen Lukaskommentar, im Ton etwas freundlicher, aber in der Sache nicht sehr viel anders: „Es ist klar, dass der Zensus lediglich ein literarisches Mittel ist, das er [Lukas; AG] benutzt, um Maria und Joseph, Bewohner von Nazareth, mit Bethlehem, der Stadt Davids, in Verbindung zu bringen. Denn er weiß von einer Überlieferung, die auch in Mt 2 belegt ist, dass Jesus in Bethlehem geboren wurde.“

Gegenüber dieser Sichtweise sind allerdings erhebliche Bedenken anzumelden:
Ganz allgemein ist einzuwenden, dass eine Geburt des Messias in Bethlehem im Frühjudentum mit seinen durchaus vielfältigen Messiaserwartungen allem Anschein nach keine große Rolle spielte. Unter den vielen (zelotischen) Messiasanwärtern des 1. und 2. Jhds. n. Chr. hat kaum einer diesen Anspruch erhoben, nicht einmal Simon bar Kosiba, genannt Bar Kochba, der von dem bedeutenden Rabbi Akiba als Messias anerkannt wurde. Es fällt auch auf, dass gerade Lukas im Gegensatz zu Mt 2,5 nicht auf Mi 5,1 als erfüllte Prophetie verweist, ja es überhaupt nicht erwähnt.

Vor einigen Jahren hat K. Rosen mit Hinweis auf eine jüdische Steuererklärung aus dem Jahr 127 n. Chr. eine bereits ältere Vermutung wesentlich erhärtet: Die Reise Josephs und Marias erkläre sich demnach durch das Vorhandensein von Grundbesitz in Bethlehem oder seiner Umgebung. Die Steuererklärung, auf die Rosen sich bezieht, stammte von einer Jüdin namens Babatha, die mit ihrem zweiten Mann Judanes, der aus Judäa war, in Maoza in der Provinz Arabia lebte. Sie reiste aus Anlass einer Steuerschätzung gemeinsam mit Ihrem Mann nach Rabbath zu dem für sie zuständigen Steuerbüro, um ihren Landbesitz zu deklarieren.

Ihr Mann reiste mit, obwohl er aus Judäa stammte,
a) um seinen eigenen Besitz in Moaza zu deklarieren und
b) um nach den Regeln römischen Rechts als Vormund in Rechts- und Geschäftsangelegenheiten die Steuererklärung seiner Frau mit einzureichen.

Diese Quelle bietet für die vorliegende Untersuchung einen zweifachen Ertrag: Zum einen weist diese Steuerklärung enge Parallelen in Inhalt und Aufbau zum Bericht des Lukas auf. Daraus wird deutlich, dass er von einem bekannten Verfahren ausging und dieses in der Substanz treffend beschrieb. Zum anderen belegt die Urkunde, dass bei einem römischen Zensus zur Deklaration von Landbesitz Männer und Frauen Reisen zum Steuerbüro der Provinz bzw. des Distrikts, in dem der anzugebende Besitz lag, unternehmen mussten. Nimmt man an, dass zumindest Maria und wohl auch Joseph ein Stück Land in oder um Bethlehem besessen haben, würde sich ihre Reise sehr leicht erklären: Maria ging dort hin, um ihren Besitz zu deklarieren, Joseph, um als ihr Vormund zu agieren und um auch sein eigenes Land anzugeben. Außerdem war das, wie K. Rosen festhält, sicherlich nicht die letzte derartige Reise der Familie Jesu. Auf diese Weise ließe sich die Angabe des Lukas gemäß gängiger historischer Methodik aus den bekannten Gegebenheiten des historischen Kontexts schlüssig erklären.

Folgt man der überzeugenden Argumentation von K. Rosen, verliert allerdings auch ein gelegentlich von Verteidigern des Lukas geäußerter Einwand entscheidend an Gewicht. Dieser Einwand lautet: Der Zensus des Jahres 6 n. Chr. habe nur das annektierte Judäa betroffen, nicht aber Galiläa, das unter der Herrschaft des Herodes Antipas verblieb. Joseph aus Nazareth wäre als Galiläer davon also gar nicht betroffen gewesen. Daher könne Lukas sich gar nicht auf diesen Zensus beziehen und diesen falsch datieren. Wie der Fall der Babatha aber zeigt, sind bei Vorhandensein von Grundbesitz Provinzgrenzen kein entscheidendes Hindernis. Dieser Einwand gegen einen Datierungsfehler des Lukas wäre dann also zu den Akten zu legen.

Außerdem hat P. Benoit erneut darauf aufmerksam gemacht, dass Lukas im unmittelbaren Kontext von Kap. 2 nicht einmal zwingend vorauszusetzen scheint, dass Joseph aus Nazareth stammte bzw. dort seinen Hauptwohnsitz hatte. Lediglich Maria wird in Lk 1,26 eindeutig dort verortet. Es ist genauso gut möglich, dass Joseph ursprünglich aus Bethlehem stammte, dort auch über etwas Besitz verfügte, sich aber aus anderen Gründen mit Maria in Nazareth aufhielt. Vielleicht stammte Maria aus Nazareth und er war dort, um sie zu heiraten? Vielleicht hatte Joseph als Handwerker Arbeit in Galiläa gefunden und war deshalb dorthin gezogen?

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