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Zwischen Verdrängung und Faszination: Wie die postmoderne Gesellschaft mit dem Sterben umgeht.

Prof. Dr. Peter Zimmerling

Beim Umgang mit Sterben und Tod lässt sich in unserer Gesellschaft eine merkwürdige Zwiespältigkeit beobachten.

Einerseits werden Sterben und Tod weithin verdrängt. Starb man früher meist zu Hause im Kreis der Menschen, mit denen man das Leben geteilt hatte, so treten heute mehrheitlich Krankenhäuser, Kliniken und Altenheime an diese Stelle. Dadurch ist es zu einer „Institutionalisierung“ des Sterbens gekommen. Kein Wunder, dass viele Menschen völlig unvorbereitet dem eigenen Sterben oder dem naher Angehöriger gegenüberstehen und total überfordert sind, wenn sie damit umgehen sollen. Quer zu diesem Prozess der Auslagerung von Sterben und Tod aus dem Alltag steht eine andere Entwicklung: Seit einigen Jahren lässt sich eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem Thema beobachten. Das gilt für die mediale Öffentlichkeit genauso wie für Fachkreise. Dazu beigetragen haben die Berichte von Nahtoderfahrungen, die Fragen rund um das Thema Sterbehilfe, die Ausbreitung des Hospiz-Gedankens und der Palliativ-Bewegung. Inzwischen entstand sogar die Thanatologie, eine neue interdisziplinäre Forschungsrichtung. Seit einigen Jahren hat überdies eine Kommerzialisierung der Transzendenz eingesetzt. Beide gegenläufigen Entwicklungen sind charakteristisch für die Komplexität der heutigen Situation. An einer Stelle jedoch sind sie sich einig: Sie lassen beide die existentielle Dimension von Schmerz und Tod unberücksichtigt bzw. in den Hintergrund treten.

Das Phänomen der Langlebigkeit
Ein durchschnittlicher Lebenslauf sieht in den Industrienationen heute anders aus als der Lebenslauf früherer Generationen. Aufgrund des technischen Fortschritts, besonders der Errungenschaften der modernen Medizin, ist es zum Phänomen der Langlebigkeit gekommen. Neben unübersehbar positiven Seiten hat dieser Vorgang auch Schattenseiten: Slogans wie „Anti-Aging“ und „Forever young“ sagen in unserer Gesellschaft dem Altern und Sterben den Kampf an und suggerieren damit, dass beides kein grundlegender Bestandteil des menschlichen Lebens sei. Dazu kommt, dass die Langlebigkeit Krankheiten hervortreten lässt (wie etwa Alzheimer), die in früheren Zeiten in dieser Intensität und Dauer kaum vorkamen. Angesichts einer solchen Situation stehen Medizin und Seelsorge heute vor der Aufgabe, das Altern und Sterben in den menschlichen Lebenslauf reintegrieren zu helfen. Die Möglichkeit, Menschen mit solchen Schicksalen seelsorgerlich zu begleiten, kann eine große Entlastung für alle Betroffenen darstellen, und zwar gleichermaßen für die Kranken wie für deren Angehörige und Freunde.

Verlangsamung des Sterbeprozesses
Mit dem Phänomen der Langlebigkeit ist eine zweite Beobachtung unmittelbar verbunden: Die moderne Medizin führte zu einer Verlangsamung des Sterbeprozesses. Mit dem verlangsamten Tod menschlich umzugehen, stellt derzeit eine der großen Herausforderungen der westlichen Menschheit dar. Die damit verbundenen Belastungen verlangen von den an der Sterbebegleitung Beteiligten ein Höchstmaß an seelischer Kraft. Die Angst vor übermenschlichen Lasten aufgrund der Verlangsamung des Sterbeprozesses hat zu einem weitverbreiteten Misstrauen gegenüber moderner Medizin und Krankenhauspraxis geführt. Bei vielen sitzt inzwischen das Vorurteil tief, dass Menschen am Lebensende in Krankenhäusern regelrecht gequält werden. Angesichts dieser Situation erscheint einer zunehmenden Anzahl von Menschen die aktive Sterbehilfe als das „Zaubermittel“, mit dem sich alle Probleme lösen lassen. „Hier fehlt nicht viel, dass die Sehnsucht nach Schutz vor Belastungen im Sterben zu einer unbestimmten Tötungsbereitschaft wird, die von der Unfähigkeit und von der Unsicherheit geprägt ist, mit behinderten und vergehenden Lebensformen umzugehen, in ihnen noch irgendeinen Sinn zu suchen […].“1 Solche Entwicklungen rufen danach, die Ängste der Menschen ernstzunehmen, aber gleichzeitig für die Würde des todkranken Menschen einzutreten.

Die Multioptionalität als Kennzeichen der gegenwärtigen Gesellschaft ist inzwischen auch auf die letzte Lebensphase mit ihren Alterungs- und Sterbeprozessen durchgeschlagen. Anders als in früheren Zeiten gehört zur Sterbebegleitung heute die Notwendigkeit ständiger Reflexion, d. h. Bewusster Entscheidung und Gestaltung. „Die Kapazitäten der Therapie sind so differenziert, dass sich das schmale Spektrum ‚nützliche Therapie/notwendiges Sterbenlassen‘ in eine Palette unterschiedlichster Nuancen differenziert hat.“2 Die Konsequenz ist zum einen häufig die Überforderung von Kranken, Ärzten und Begleitern. Zum anderen verdeckt der permanente Zwang zu therapeutischen Entscheidungen die Notwendigkeit einer bewussten Auseinandersetzung mit Sterben und Tod. Denn trotz aller medizinischen Fortschritte bleibt die Endlichkeit des menschlichen Lebens unaufhebbar. Ein christlicher Umgang mit dem Tod kann angesichts dieser Situation dazu beitragen, der menschlichen Endlichkeit zu ihrem Recht zu verhelfen.

Zurücktreten der spirituellen Dimension
Als die moderne Krankenpflege im 19. Jahrhundert im Rahmen der „Inneren Mission“, der heutigen „Diakonie“, entstand, stellten die Pflege des Nächsten, der Dienst für Gott und die Heilkunst ihre integralen Bestandteile dar. Prozesse der Säkularisation, der Emanzipation und der Professionalisierung führten dazu, dass die spirituelle Dimension im diakonischen Handeln mehr und mehr in den Hintergrund trat. Das führte in den vergangenen Jahrzehnten z. B. Dazu, dass das Moment der Berufung im Rahmen der pflegerischen Tätigkeit kaum noch eine Rolle spielte. In der Konsequenz wurde das ärztliche und pflegerische Tun nicht länger primär als Dienst und Hingabe am Kranken verstanden. Inzwischen gibt es neuere Ansätze, die sich darum bemühen, das ursprüngliche spirituelle Anliegen in der Diakonie wiederzugewinnen.

Dies geschieht meist aus der Einsicht heraus, dass zur Ganzheit des Menschen eine spirituelle Komponente gehört; der Mensch also nicht auf seine Ratio und seinen Körper reduziert werden darf. Das Ziel: Leben unter dem geöffneten Himmel Die westlich geprägte Kultur leidet unter einem erschreckenden Transzendenzverlust. Die christliche Hoffnung auf eine andere, kommende, „bessere“ Welt wirkte bis vor kurzem wie eine Entwertung dieser Welt, wie eine Flucht vor den Aufgaben heute und wie eine Vertröstung auf künftige Herrlichkeiten, um Menschen dazu zu bringen, sich mit den Ungerechtigkeiten dieser Welt abzufinden.

Der Tübinger Systematiker Eberhard Jüngel meinte deshalb: „Als Kinder der Aufklärung haben wir inzwischen das Diesseits so sehr lieben gelernt, dass wir im Gefolge Ludwig Feuerbachs aus diesseitsblinden ‚Kandidaten des Jenseits‘ zu jenseitsvergessenen ‚Studenten des Diesseits‘ geworden sind.“3

In unserer Gesellschaft kam es zu einer „öffentlichen Realitätsschrumpfung“ (Hansjörg Hemminger). Alles wurde vom irdischen Leben erwartet. Der Ewigkeitshorizont, der viele Jahrhunderte Christentumsgeschichte prägte, ging verloren. Inzwischen ist der westliche Mensch wieder bereit, nach dem Woher, Wozu und Wohin seines Lebens zu fragen. Eine Reihe neuerer medizinischer Untersuchungen legt sogar den Schluss nahe, dass gläubige Menschen Schmerzen besser ertragen können. Dadurch besteht die große Chance – und auch die Aufgabe – in Medizin und Seelsorge Schwerkranken und Sterbenden zu helfen, einen Blick für den geöffneten Himmel über ihnen zu bekommen. Gerade an dieser Stelle ist es nötig, bei früheren Generationen in die Schule zu gehen, die eine regelrechte ars moriendi entwickelt hatten. Sie hatte die Aufgabe, zum Begleiten der Schwerkranken und Sterbenden und zum Trösten der Trauernden zu ermutigen. Dass die spirituelle Dimension dabei im Vordergrund stand, belegt folgendes Zitat aus einem bekannten mittelalterlichen Sterbebüchlein: „Es ist kein Werk der Barmherzigkeit größer, als dass dem kranken Menschen in seinen letzten Nöten geistlich und sein Heil betreffend geholfen wird.“ Auch Martin Luther stand in der Tradition dieser Ars-moriendi-Literatur. Er verstand es, Menschen Freude auf den Himmel zu vermitteln.

So schreibt er an seinen todkranken Vater: „Denn unser Glaube ist gewiss, und wir zweifeln nicht, dass wir uns bei Christo wiederum sehen werden.“ So real ist für Luther das Leben bei Gott im Himmel, dass von dort aus starke Kräfte der Hoffnung und des Trostes in sein eigenes Leben fließen. Zugleich lässt ihn die lebendige Ausrichtung auf den Himmel das Leben auf der Erde nicht vergessen. Das zeigt sich auch in seiner Aufforderung, über den Verlust von Angehörigen zu trauern: „Gott will, dass wir unsere Kinder lieb haben, und dass wir trauern, wenn sie von uns genommen werden hinweg, doch soll die Traurigkeit mäßig und nicht zu heftig sein, sondern der Glaube der ewigen Seligkeit soll Trost in uns wirken.“4


  1. Josef Römelt, Menschenwürdiges Sterben. Vom menschlichen Umgang mit dem verlangsamten Tod, in: Herder Korrespondenz 58 (2004), 527. 

  2. Josef Römelt, Menschenwürdiges Sterben. Vom menschlichen Umgang mit dem verlangsamten Tod, in: Herder Korrespondenz 58 (2004), 527. 

  3. Eberhard Jüngel, Leben nach dem Tod? In: Evangelische Kommentare, Heft 6, 1989, 31f. 

  4. Eberhard Jüngel, Leben nach dem Tod? In: Evangelische Kommentare, Heft 6, 1989, 91. 

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